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[0:16]Um das Jahr 1500, in einer Welt geprägt von Tod und Teufel, tritt ein Mann hervor, alles zu verändern. Martin Luther. Sein Hauptprogrammpunkt: sich und den Menschen die Angst zu nehmen. Von Angst ist die Zeit übervoll. Hunger, Pest, Krieg und Gewalt. Es gibt genug Grund, sich zu fürchten.

[0:47]Sogar vor Christus, er wird als Weltenrichter gesehen, der entscheidet, wer nach dem Tod in den Himmel kommt oder in die Hölle.

[0:58]Es ist ein düsteres Weltbild. Die Kirche trägt viel dazu bei. Sie redet den Menschen ein furchtbar schlechtes Gewissen ein. Alle sehen sich als Sünder, die um ihr Seelenheil bangen müssen. Alle quälen Schuldgefühle. Alle haben Angst, nach dem Tod in der Hölle zu landen. Aber irgendwas stimmt nicht an dem, was die Kirche erzählt. Jeder kann es spüren. Die Kirchenoberen leben selbst in Saus und Braus, während sie anderen Demut und Bescheidenheit predigen. Und dann die Sache mit dem Ablass, diesem besonders einträglichen Geschäftsmodell der Kirche. Gegen Geldzahlung werden den Gläubigen Sünden erlassen. Mit den Einnahmen finanziert die Kirche Prunk und Protz und sogar Kriege. Immer mehr Menschen bezweifeln, dass das in Gottes Sinne ist. Auch Martin Luther tut das. Er ist Theologieprofessor im sächsischen Wittenberg. Ihn quält die Frage: Was stimmt Gott wirklich gnädig? Tatsächlich Geld oder doch Buße? Was muss ich als guter Christ tun, um nicht in die Hölle zu kommen? Irgendwann hat er die alles entscheidende, befreiende Erkenntnis: Nur der Glaube zählt und Gottes Gnade. Der Mensch müsse nichts tun. Gott sei gnädig zu jedem, der an ihn glaubt, einfach so. Die Hölle verliert ihren Schrecken, und Luther wird zum Weltverändernden Reformator.

[2:37]In 95 Thesen kritisiert er die Kirche und vor allem ihren zwielichtigen Ablasshandel. Damit beginnt im Jahr 1517 die Reformation. Luther will die katholische Kirche nicht spalten, er will sie reformieren. Aber bald bezieht er immer schärfer Stellung gegen seine Kirche. Er will jetzt generell aufräumen. Da sieht er zum einen all die Priester, Mönche und Nonnen, die angeblich zwischen Gott und den Menschen vermitteln müssen. Weg mit Ihnen, sagt Luther. Er verkündet das Priestertum aller Getauften. Jeder Christ, erklärt er, könne direkt zu Gott sprechen und er halte Antwort.

[3:23]Dann die Heiligen Anbetung, die Reliquien, die Wallfahrten. All die gewachsenen kirchlichen Bräuche.

[3:32]Weg damit, sagt Luther. Denn nichts davon stehe in der Bibel und diese sei schließlich das einzige, was zählt. Und der Papst sieht sich als Stellvertreter Christi. Welche Anmaßung. Weg mit ihm, sagt Luther und versteigt sich in seiner Kritik ins Maßlose.

[3:55]Der Papst sei der Teufel, der Antichrist, das Böse höchst persönlich. Zurückhaltung ist Martin Luthers Sache nicht. Er wütet und flucht genauso beherzt, wie er argumentiert. Und alle sollen es mitkriegen. Dafür setzt er auf die Drucker und ihre neue Technik. Der Buchdruck ist eine Revolution. Früher musste alles mühsam von Hand kopiert werden. Jetzt erlaubt die Druckerpresse riesige Auflagen. Der Reformator entfacht die reinste Propagandaschlacht. Boten und Buchhändler verbreiten seine Traktate und Flugschriften. Die Leser können gar nicht genug davon kriegen.

[4:47]Die Gegenseite zieht mit und stellt Luther als Monstrum dar, vom Teufel gesteuert. Die Reformation wird zum ersten Medienereignis der Weltgeschichte. Martin Luthers wichtigste theologische Arena ist der Kirchenraum. Mit seinen Predigten will er die Menschen überzeugen. Im Gottesdienst spricht er darum Deutsch, nicht Latein. Religiöse Riten verlieren an Bedeutung. Die Gemeinde soll zuhören, nachdenken und mitmachen. Luther schreibt dafür die ersten Kirchenlieder. So erhält die Gemeinde eine eigene Stimme. Luther, der Prediger, kann aber längst nicht alle überzeugen. Im Gegenteil.

[5:39]Der Streit mit seinen innerkirchlichen Gegnern wird immer schärfer. An manchen Orten werden seine Schriften verbrannt. Der Papst droht ihm mit dem Ausschluss aus der Kirche. Für ihn ist der Mann aus Wittenberg ein Ketzer, der widerrufen muss.

[6:01]Im schlimmsten Fall könnte Luther jetzt auf dem Scheiterhaufen enden, wie einst Jan Hus, ein früher Vordenker der Reformation. Auch der Kaiser fürchtet, dass Luther die ganze christliche Ordnung zerstören könnte. Er beordert den aufmüpfigen Theologieprofessor deshalb 1521 zum Reichstag nach Worms. Hier soll Luther widerrufen. Aber der weigert sich und widerruft nicht.

[6:34]Nun ist Luthers Leben in allerhöchster Gefahr. Er muss fliehen. Der Kaiser verkündet das Wormser Edikt. Jeder darf Luther jetzt verhaften oder sogar töten. Aber der Reformator hat mächtige Beschützer. Allen voran ist das sein eigener Landesherr, der Kurfürst von Sachsen, der seinen berühmten Professor auf der Wartburg verstecken lässt. Dort, getarnt als Junker Jörg, startet Luther ein weiteres Projekt: Die Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Die gibt es normalerweise nur auf Latein. Aber Luther will, dass jeder sie verstehen kann. Dafür erfindet er sogar neue deutsche Worte wie Nächstenliebe und Friedfertigkeit. Seine Bibelübersetzung ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer einheitlichen deutschen Sprache. Mit der Reformation entsteht eine neue Konfession, die evangelische. Sie heißt so, weil sie sich besonders deutlich auf die Evangelien aus dem Neuen Testament bezieht. Luther gewinnt mit seiner Lehre viele Anhänger im Volk, aber auch unter den Fürsten. Einige von ihnen protestieren beim Kaiser gegen die Verdammung Luthers. Auf diese Protestatio geht später der Begriff Protestanten zurück. 1530 überreichen Sie Karl V. auf dem Reichstag in Augsburg eine bis heute zentrale Bekenntnisschrift der evangelischen Christen. Die Confessio Augustana. Sie ist als Gesprächsangebot getan. Die Positionen zwischen den Glaubensrichtungen sind aber schon zu gegensätzlich. Die Spaltung der Kirche ist nicht mehr aufzuhalten. Die neue Konfession breitet sich immer mehr aus. Viele Fürsten und Könige schließen sich ihr an. Die Untertanen müssen meist folgen.

[8:42]Die Reformation hat viele kluge Köpfe an ihrer Spitze. Martin Luther ist der prominenteste. Aber schnell kommen weitere Reformatoren hinzu mit teils ganz eigenen Ansichten. Besonders wichtig sind Ulrich Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf.

[9:04]Die Reformation löst aber nicht nur religiöse Hoffnungen aus. Viele glauben, dass sie auch den Alltag gerechter machen kann. Schließlich hatte Luther die Freiheit eines Christenmenschen propagiert. So erheben sich 1525 die Bauern gegen die drückende Herrschaft von Adel und Klerus und glauben den Reformator an ihrer Seite.

[9:34]Doch die Bauern täuschen sich. Die Mächtigen sind besser gerüstet und lassen nicht an der sozialen Ordnung rütteln. Martin Luther steht auf ihrer Seite. Er wendet sich scharf gegen die Aufständischen. Wieder die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern, schreibt er und fordert diese einfach niederzumetzeln. Luther will eine religiöse Erneuerung, aber keine gesellschaftliche Umwälzung.

[10:07]Der Bauernkrieg wird zum Massaker an der Landbevölkerung.

[10:22]Ugnädig ist Luther, der den gnädigen Gott preist, auch mit den Juden. Als sie sich partout nicht bekehren lassen wollen, verfasst er eine Hetzschrift gegen sie. Das Pamphlet entspricht dabei dem judenfeindlichen Geist der Zeit.

[10:40]Martin Luther hat viele Gesichter. Er steht für eine überfällige Modernisierung der Kirche, aber auch für ihre Spaltung. Sein Wirken fördert unabhängiges Denken, aber auch religiösen Eifer. Gewalt im Namen des Glaubens hat er stets abgelehnt. Aber der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken wird genau dazu führen. Schon kurz nach seinem Tod, 1546, wird eine Zeit blutiger Glaubenskämpfe beginnen.

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