[0:01]Polen ist viel schöner als manche glauben und Ideenreicher. Unsere Suche nach cleveren Alltagsdingen führt uns nach Posen, auf Polnisch Poznisch. Jeder kennt Krakauer Würste und mindestens einen Diebstahlwitz über Polen, aber was machen unsere Nachbarn im Alltag anders? Wir entdecken sechs Dinge, die wir nicht kennen, die aber typisch für den Alltag der Polen sind. Wir haben ein polnisches Paar kontaktiert, Martin und Valeria. Sie haben uns gleich zum Frühstück eingeladen. Ihre Adresse kennen wir. Doch vor der Tür sind wir erstmal erstaunt. Keinen Namen an der Klingel, nur Nummern. Und damit sind wir schon bei Ding Nummer 1: Das andere Klingelschild. Zum Glück haben wir Martins Handynummer und können ihn direkt fragen. Wir sollen seine Wohnungsnummer, die 20 eingeben, sagt er uns am Telefon.
[1:06]Auch im Haus finden wir keine Namen an den Türklingeln. Nur die Wohnungsnummer steht über den Türen im ganzen Haus. Auch am Briefkasten kein Name.
[1:22]Hi, hi. Entschuldigung, dass wir euch nichts von den fehlenden Namen erzählt haben. Wir haben das in Polen vor ein paar Jahren geändert. Jetzt stehen nur noch Nummern statt Namen dran. In Polen wird das EU-Recht so interpretiert, dass es aus Datenschutzgründen nicht mehr erlaubt ist, Namen auf Türklingeln oder Briefkästen zu schreiben. Die europaweite Datenschutzgrundverordnung besagt, jeder Mieter hat ein Recht auf Anonymität. Auch bei uns wird das diskutiert. Hausverwaltungen wollen sich vor möglichen Strafen durch die EU schützen. Experten sagen, die Datenschutzverordnung regelt das nicht. Wer hier seinen Namen doch an der Tür will, muss sich eine Sondergenehmigung holen. Für das Frühstück nehmen sich die Polen viel Zeit. Unsere Gastgeber Martin und Valeria sind Ende 20. Beide zählen zu den Besserverdienenden. Sie können sich eine schicke Wohnung im Stadtzentrum leisten. Auf dem Frühstückstisch fällt uns ein komischer Kalender auf. Was der soll? Dazu später. Martin und Valeria zeigen uns ihre Stadt. Vor der Kamera will Martin zwar nichts auf Deutsch sagen. Aber er, wie auch über 2 Millionen andere Polen, können Deutsch. Hier ist es ein Schulfach. Unterwegs weist uns Martin auf ein Detail hin, welches wir in Deutschland so nicht kennen. Unser zweiter Gegenstand, das doppelte Kennzeichen.
[3:03]Das ist wichtig beim Auto. Es ist ein sehr nützlicher Beweis im Falle eines Diebstahls. Das Kennzeichen kann man leicht abmachen, aber den Sticker in der Windschutzscheibe nicht. Die Diebstahlgefahr wird mit dem Sticker wirksam bekämpft. Wer ein Auto klaut, müsste danach schon die Windschutzscheibe ausbauen, sonst würde ihn die Plakette verraten.
[3:28]Seit 2000 hat Polen durch diesen Sticker in der Windschutzscheibe die Zahl der entwenden Autos um 80 % gesenkt. Martin und Valeria fahren mit der Tram weiter. Als wir die Tickets dafür kaufen wollen, entdecken wir unser drittes Ding: Das Blick Bezahlsystem. Online bezahlen kennen wir bei uns auch, aber dieses System ist PayPal und EC-Karte in einem. Kann aber noch mehr. Zum Beispiel kennen wir eine wichtige Funktion nicht.
[4:11]Ein Freund muss den Code beim Einkaufen eingeben, dann bekomme ich auf dem Handy eine Bezahlbestätigung. Und sobald ich dazu stimme, wird sein Einkauf bezahlt. Dieser sechsstellige Code gilt für 2 Minuten. Man kann damit fast alles bezahlen und auch Bargeld abheben. Alle großen polnischen Bankhäuser unterstützen das Bezahlsystem. Zumindest Martin, der in der IT-Branche arbeitet, ist überzeugt. Blick sei viel sicherer als PayPal und Co, denn die App speichert keine Informationen über den Besitzer, alles komplett anonym. Überhaupt ist Polen in Sachen Digitalisierung weiter als wir. Bei der Verbindungsqualität und Geschwindigkeit des Internets schneidet Polen besser ab als Deutschland. In der Tram macht uns Valeria auf ein Phänomen aufmerksam, dass wir in Deutschland nicht kennen. Die Digitalanzeige der Tram zeigt den aktuellen Namenstag an. Der hat in Polen eine viel größere Bedeutung als bei uns in Deutschland. Deshalb ist unser vierter Gegenstand, der Namenstagkalender. Wir hatten ihn schon beim Frühstück gesehen. Wie ein Namenstag abläuft, lernen wir mit ihrem Freund Stefan kennen. Er feiert tatsächlich in einem Restaurant seinen Namenstag. In Polen wird der Namenstag höher gewichtet als der Geburtstag. Ab einem gewissen Alter wird nur noch der Namenstag gefeiert, um das eigene Alter zu verschleiern. Die beiden schenken ihrem Freund, wie üblich am Namenstag eine Kleinigkeit und eine Namenstagkarte. Die Kleinigkeit in diesem Fall ist ein teures Craftbier. Polen ist ein sehr katholisches Land, daher wird jedes Kind immer noch mit dem Namen eines Heiligen getauft. Hier wie auch in vielen anderen polnischen Restaurants gibt es ausschließlich Gerichte, die Kartoffeln enthalten. Kartoffeln waren lange Zeit eines der wenigen verfügbaren Nahrungsmittel. Jeder Pole wächst auf mit den Kartoffelspeisen seiner Babtscha, polnisch für Großmutter. Aber das ist noch nicht die Hauptattraktion. Es gibt noch eine leckere Besonderheit, die uns das Paar zeigt. Unser fünfter Gegenstand aus Polen, das Zloty Menü. Obwohl Polen in der EU ist, ist ihre Währung der Zloty, aber in vielen Geschäften kann man auch mit Euro bezahlen. Bei dem Menü geht es immer um die Kombination einer sehr großen Portion des Tagesgerichts mit einem klassischen polnischen Getränk. Das billige Essen für Hungrige. Heute ist das Menü eine große Portion Kartoffelniki mit Sauerkraut und Zwetschgensaft. Je nach Lokal bekommt man dieses Menü für 2 bis 4 €. Typisch in so einem Lokal, man bestellt an der Theke. Hier kostet es 15 Zloty. Ein paar Münzen haben die beiden immer bei sich, um hier kurz halt zu machen. 15 Zloty sind nur rund 3 €. Hier steht der Zusammenhalt vor Profit. Die Menschen sollen zusammenkommen und gemeinsam an einem Tisch essen können. Für kleines Geld. Eine Portion kostet nur 15 Zloty, deswegen ist das Lokal so beliebt. Die häusliche Stimmung mit anderen Menschen zusammen sein und eine tolle Zeit haben für einen tollen Preis.
[8:11]Bis in die späten 80er Jahre dienten Milchbars der Massenverpflegung aller Bevölkerungsschichten. Jeder sollte sich pro Tag eine warme, nahrhafte Mahlzeit leisten können, das war die Idee. Keine aufwendige Einrichtung und keine Bedienung, aber gutes, bezahlbares Essen. Seit in Polen die freie Marktwirtschaft eingeführt wurde, mussten viele Milchbars aufgeben. Zum Abschluss des Tages laden uns Valeria und Martin noch in eine Bar ein. Im Traditionsbewussten Polen gibt es ein altes Sprichwort. Auf dem Boden läuft das Geld weg.
[8:58]Martin bestellt schon mal Getränke für uns. Als Valeria sich in den Tisch setzt, zieht sie etwas aus ihrer Handtasche. Einen mobilen Haken. Sie hängt ihre Tasche an den Haken. Was hat es damit auf sich? Es gibt ein Sprichwort: Wenn du deine Tasche auf den Boden stellst, läuft das Geld weg. Wenn auch nicht alle Polen diesen Haken nutzen, das Sprichwort kennt jeder. Taschen werden nicht auf den Boden gestellt. Es geht darum, die Dinge im Blick zu behalten. Dank unserer freundlichen Gastgeber Martin und Valeria haben wir das Land besser kennengelernt. Einige Dinge, die wir in Polen entdeckt haben, könnten sicher auch unser Leben erleichtern, oder?



