[0:09]Mutmaßlich ukrainische Kämpfer stürmen gewaltsam das Haus eines friedlichen ungarischen Familienvaters und verschleppen ihn an die Front. Mit solchen, wie in diesem Fall KI-generierten Videos, betreibt die ungarische Regierung gerade Wahlkampf.
[0:31]Die Botschaft ist, die Ukraine zu unterstützen bedeutet, bald selbst in die Kampfhandlungen und einen Krieg verwickelt zu werden. Der Krieg ist eine unmittelbare Gefahr, er klopft an die Tür. Jetzt muss diese Frage entschieden werden, Krieg oder Frieden. Aus dieser Angst schlägt der langjährige ungarische Regierungschef Viktor Orban Kapital. Orban hält auch regelmäßig sogenannte Friedensveranstaltungen ab, bei denen die unabhängige Presse nicht gerne gesehen ist. Ich will dennoch versuchen, reinzukommen.
[1:23]Kann Orban seine Macht auch nach 16 Jahren weiter sichern, oder hat Herausforderer Peter Motja eine ernstzunehmende Chance? Im Wahlkampf lag die meiste Zeit Motjas Partei Tisza vorne. Unabhängig vom Ausgang der Wahlen, könnte Ungarn jetzt vor einem ernsthaften politischen Wendepunkt stehen.
[1:42]Je näher die Wahlen rücken, desto rauer wird der Ton und immer schärfere Mittel kommen zum Einsatz.
[1:50]Orbans Partei hat ein neues Wahlkampfvideo gepostet. Es wurde wieder mit künstlicher Intelligenz erstellt. Es zeigt ein kleines Mädchen, das auf seinen Vater wartet, der an der ukrainischen Front kämpft.
[2:06]Kein Risiko eingehen, Fides ist die sichere Wahl, die verhindern wird, dass Ungarn in einen Krieg hineingezogen wird. Das ist die Botschaft des Videos.
[2:17]Gerade erscheinen auffällig viele Berichte über ein angebliches Sexvideo von Peter Motja, Orbans Gegenkandidat. Die Partei von Viktor Orban macht seit Monaten Wahlkampf damit, dass sie vor der Ausweitung des russisch-ukrainischen Krieges warnt. Hunderte Menschen versammeln sich zu Treffen, die den Anschein von Friedenskonferenzen haben, aber in Wirklichkeit sind es Wahlkampfveranstaltungen. Seit Wochen versuche ich mich per E-Mail für eine dieser sogenannten Friedensveranstaltungen anzumelden. Sie findet morgen statt. Eine Antwort habe ich aber erst jetzt, kurz vor 6 Uhr abends erhalten. Also heißt es morgen früh auf nach Zeget.
[3:15]Wir sind mehrere Stunden von Budapest aus Land nach Szeged gefahren, um an einer Friedensveranstaltung der Regierung teilzunehmen. Auch Orban wird anwesend sein. Orban nutzt seine Konflikte mit der EU im Wahlkampf und inszeniert sich als Beschützer Ungarns. Warum hielten sie es für wichtig, heute herzukommen? Weil man alles für den Frieden tun muss, jeder muss es versuchen. Wir verehren Orban und wollen nur ihn, niemanden sonst. Ungarn muss sich aus dem Krieg heraushalten. Dafür muss man aber am 12. April für Fides stimmen.
[3:54]Ich bin hergekommen, weil ich auch Mitglied des digitalen Bürgerkreises und des Fight Clubs bin. Ja, das sehe ich. Wir stehen für die Fides ein und wollen die zahlreichen Errungenschaften der letzten 15 Jahre verteidigen. Damit keine Regierung an die Macht kommt und all das zunichte macht.
[4:12]Bei Szeged verläuft übrigens die EU-Außengrenze zu Serbien, an der Orban einen 175 km langen Zaun errichten ließ, um Geflüchtete fernzuhalten. Neben dem Krieg ist auch Migration ein sehr wichtiges Wahlkampfthema. Übrigens wurden viele Menschen für die Friedensveranstaltung aus kleineren Orten mit Bussen hergebracht. Die Registrierung war kompliziert und wir bekamen die Rückmeldung erst in letzter Minute. Wir versuchen trotzdem reinzukommen. Hallo. Ich bin Hanna Solti, ich habe mich angemeldet und gestern Abend erst die Bestätigungsemail erhalten. Wirklich gestern Abend? Eigentlich habe ich mich schon vor langer Zeit registriert, aber lange keine Antwort erhalten. Warte mal, ich sehe dich nicht auf der Liste.
[5:03]Wir haben es endlich rein geschafft und machen uns gleich auf den Weg in den Veranstaltungsraum.
[5:13]Orban betont bei solchen Auftritten, Ungarn lehne eine Einmischung in den Krieg ab, und die Parlamentswahl entscheide, ob Ungarn vom Krieg fernbleibt. Ich bin gespannt, ob er diese Gedanken auch heute aufgreift.
[5:32]Los, los, komm bitte. Komm, komm, komm.
[5:38]Jetzt sehe ich, dass wir in so eine Art Pressebox getrieben wurden, von wo aus man nicht viel sieht und nirgendwo hingehen kann.
[5:58]Die pro-Orban Medien können sich hingegen frei bewegen und mit Politikern und Besuchern in der ganzen Halle sprechen.
[6:15]Es geht mit einem Schattentheater los.
[6:25]Wir sehen das Leben eines Durchschnittsungarn, Heirat, Kirche, Familie, Geburt eines Kindes, und dann bricht der Krieg aus.
[6:47]Ich fühle mich an das KI-Video aus dem Internet erinnert, bei dem der friedliche Familienvater von Ukrainern entführt und an die Front geschickt wird.
[7:02]Also wieder die Botschaft, wer die Ukraine unterstützt oder sich nur mit der Ukraine solidarisch zeigt, trägt automatisch zu einer Eskalation des Krieges bei.
[8:16]Die drei, die am meisten Krieg wollen, sind alle Deutsche. Der Kanzler, die Kommissionspräsidentin und der Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei.
[8:34]Ich möchte jedem sagen, verlassen Sie sich nicht darauf, dass die europäischen Politiker vernünftig genug sind, uns nicht in einen Krieg zu führen. Das sind sie nicht. Der Krieg ist gefährlich, er klopft an und man darf ihm nicht öffnen. Ich und wir alle sind hier, um das zu verhindern.
[8:58]Liebe Freunde, der Mann der Ungarn ist Viktor Orban.
[9:07]Orban hat fast die ganze Zeit über die Ausbreitung und die Bedrohung durch den russisch-ukrainischen Krieg gesprochen. Er schürte Angst und nutzte die Ängste der Menschen für seine Wahlkampfzwecke. Während klassische Friedensmärsche meist aus der Zivilgesellschaft heraus entstehen und parteiunabhängig gegen Krieg oder Aufrüstung protestieren, sind Orbans Friedensveranstaltungen Wahlkampf pur.
[9:35]Orban macht nicht nur auf Großveranstaltungen Stimmung gegen die EU und die Ukraine. Er hat auch seine digitale Armee in Stellung gebracht.
[9:53]Orban hat sehr früh, schon im Frühjahr 2025 angefangen, sich für den Wahlkampf vorzubereiten. Er hat mehrere Aktionen gestartet, um die Reichweite seiner Partei im digitalen Raum zu pushen.
[10:34]Er fordert seine Anhänger wirklich dazu auf, wie Straßenkämpfer zu agieren und sich online aktiv in jede Auseinandersetzung einzumischen.
[10:43]Ich habe die digitalen Bürgergruppen gegründet, weil das Internet oder der digitale Raum heute ein feindliches Terrain ist. Das nenne ich digitale Aggression. Da das Internet zu einer so wichtigen Plattform in unserem Leben geworden ist, dürfen wir diesen Raum nicht solchen Stimmungen und Menschen überlassen, sondern müssen selbst aktiv präsent werden.
[11:08]Mein Name ist Szilvi Német, ich bin Journalistin und beschäftige mich vor allem mit politischer Kommunikation. Seit Oktober 2025 sind bei Facebook und Google keine Wahlkampfspots mehr erlaubt. Das liegt an der EU-Regelung zur Transparenz politischer Werbung. Für Fides war dieses Instrument zuvor sehr wichtig gewesen.
[11:31]Dieses Verbot erklärt wahrscheinlich auch, warum jetzt Privatpersonen, die politische Botschaften online verbreiten, für die Regierung interessant wurden. Zum Beispiel welche aus dem Fight Club. Aber es ging noch weiter.
[11:48]Ich habe online bei Facebook ein Netzwerk von über 80 gefälschten Profilen aufgedeckt und einen Artikel über sie geschrieben. Die Mitglieder erkennt man daran, dass ihre Profilbilder oder ihre Art zu schreiben, offenbar mit künstlicher Intelligenz erstellt wurden. Sie scheinen sich untereinander zu kennen und posten besonders aktiv verschiedene Regierungsinhalte. Vor allem kurze Reels.
[12:29]Damit ließ sich gezielt eine Community aufbauen, denn Fußball spielt in Ungarn eine große Rolle. Er gilt als Nationalsport und ist laut Orban ein wichtiger Teil der nationalen Identität. Es gab zum Beispiel erfundene Liebesgeschichten. Zum Beispiel die KI-generierten Personen Soli und Cynthia wurden ein Paar. Und sie haben dieses Ereignis auf Facebook geteilt. Ihre anderen Fake-Freunde gratulieren ihnen.
[13:00]Hört bitte auf, mir zu gratulieren, Cintia hat mich mit meinem Freund betrogen. Dann machten sie Schluss, weil Cintia Soli angeblich mit einem seiner Freunde, Benedek, betrog. Also folgte eine öffentliche Trennung. Soli betonte oft, wie eng er mit Cynthias Schwester Kiara befreundet war, die auf diesem Bild zu sehen ist.
[13:28]Dieses Profil von Kiara ist auch Fake. Dafür sprechen zum Beispiel diese Fehler. Dieses Foto zeigt angeblich drei bekannte Sehenswürdigkeiten Budapests, die Freiheitsstatue, die Kettenbrücke und das Parlament gleichzeitig. Aber das ist unmöglich, da es keinen Blickwinkel gibt, von dem man alle drei zusammen sehen könnte. Obwohl ihre Profilbilder mit künstlicher Intelligenz erstellt wurden, haben diese Accounts sogar mein persönliches Netzwerk infiltriert. Beim Durchsehen der Profile fiel mir auf, dass viele meiner Freunde und Bekannten dort ebenfalls auftauchten. Jemand hat viel Mühe darauf verwendet, den Eindruck zu erwecken, dass es echte Menschen sind, die Freundschaften pflegen, Zeit miteinander verbringen und Sportveranstaltungen besuchen.
[14:19]Ich habe die Profile archiviert, die wir im Artikel vorgestellt haben. Das war besonders wichtig, da sie auch schnell verschwinden können. Nach der Veröffentlichung des Artikels wurden viele Profile gelöscht, auch Cintia.
[14:34]Kiara hingegen scheint noch aktiv zu sein und weiterzumachen.
[15:09]Orbans Botschaften kommen an, besonders bei den älteren Menschen und auf dem Land, weil dort die traditionellen und konservativen Werte präsenter sind.
[18:47]Wir haben früher sehr viele Jagdreisen nach Russland organisiert. Leider kam der Krieg und damit war Schluss. Der Krieg hat vieles verändert. Unsere Gäste aus dem Westen klagen, dass bei ihnen zu Hause die Energiekosten explodiert sind. Wir haben hier noch günstiges russisches Gas und Öl.
[19:12]Unsere Regierung hält die Energiekosten für ungarische Haushalte niedrig. Sie hat alles getan, damit die Menschen möglichst wenig von diesem Krieg spüren. Viele unserer Bekannten im Ausland erzählen, dass sie sich dort nach 22 Uhr nicht mehr sicher auf die Straße trauen. Aber hier in Ungarn fühlen wir uns auch abends sicher. Unsere Kinder spielen draußen.
[19:38]Was die Meinungs- und Pressefreiheit angeht, hier kann jeder ungestraft sagen, was er will. Das geht in Deutschland ja gar nicht mehr.
[19:50]Unser Ministerpräsident ist wirklich außergewöhnlich. Er sieht die politischen Zusammenhänge, sowohl im Inland als auch in Europa, in einer besonderen Weise. Viele sagen, dass diese zwei Drittel Mehrheit vielleicht nicht unbedingt gut oder nötig ist.
[20:11]Nun ja, in bestimmten Kreisen können hier schon erhebliche Geldsummen verschwinden, aber sowas gibt es ja auch anderswo.
[20:25]Es wäre gut, wenn es im Land eine gemäßigte Opposition gäbe, die solche Dinge begrenzen kann. Von mir aus muss es nicht immer nur Viktor Orban sein, aber ich sehe keine bessere Alternative.
[20:42]Ich würde mir zwar eine gute Opposition wünschen, aber ich glaube nicht, dass Peter Morjo dafür geeignet ist.
[20:57]Er vertritt eine ganz andere Meinung und würde sicherlich auch die Migranten ins Land lassen. Der kleine Peter würde das tun, was man ihm sagt. Er ist ein Clown, sogar noch weniger als ein Clown.
[21:14]Ich wünsche mir, dass das Land keine falsche Richtung einschlägt. Es soll sich auf diesem Weg weiterentwickeln, wohlhabender werden. Es soll keine Armut in diesem Land geben. Das wünsche ich mir sehr.
[22:30]Im letzten Jahrzehnt hat Orban viel Geld ausgegeben, um einen möglichst großen Teil der ungarischen Medien unter seine Kontrolle zu bringen, weil er so seine Macht am einfachsten erhalten kann. Heute kontrollieren Menschen, die Orban und der Fides nahe stehen, mindestens 70 % des heimischen Medienmarkts und nutzen ihn, um die Narrative der Regierungspartei zu verbreiten.
[24:45]Ich war 12, als Orban an die Macht kam. Ich erinnere mich, dass alle es damals als eine große positive Veränderung empfunden haben. Als könnte man nun aufatmen, weil eine schlechte Ära zu Ende geht. Und alles wird gut. Ich bin Sunny, ich bin Studentin. Ich bin unter Orban aufgewachsen.
[25:13]Ich habe als Kind mit meiner Mutter gelebt. Mein Zimmer war genau dort im zweiten Stock gegenüber von diesem Park. Ich habe es echt gemocht, hier zu wohnen, weil das die längste Zeit war, die ich zusammen mit meiner Mutter an einem Ort gelebt habe, ohne ständig umzuziehen. Ich habe die meiste Zeit mit Freunden auf dem Platz abgehangen.
[25:38]Als ich ein Teenager war, hat meine Mutter sich das Leben genommen. Danach ist mein Leben aus den Fugen geraten, mit Alkohol und so. Ich konnte einfach nicht nüchtern existieren. Ich habe ständig vor mir gesehen, wie sie sich umbringt.
[26:04]Dann kam Divas. Ich hätte nie gedacht, dass es mal so groß wird.
[26:27]Divas funktioniert so gut, weil das unglaublich authentisch und ehrlich ist.
[26:36]Verdammt! Filmst du mich echt, während mein Make-up so aussieht?!
[27:00]Ich habe mich ziemlich lange nicht getraut, über Politik zu reden.
[28:05]Es motiviert mich, junge Schüler zu unterstützen, weil ich nicht möchte, dass sie auf die schiefe Bahn geraten und genauso lange brauchen, um sich zu finden, wie es bei mir war.
[29:13]Man sollte niemals jemandem so lange so viel Macht geben. In den sozialen Medien wird einem ständig eingetrichtert, dass alles schlecht ist, und da ist auch was dran. Aber niemand zeigt uns, wie es anders laufen könnte.
[29:33]Ich denke, die Regierung hört der Jugend überhaupt nicht zu. Vielleicht wird ja Peter Morjo gewählt, auch wenn er nicht der Beste sein mag, immerhin wäre Orban raus und das würde uns eine neue Chance geben.
[29:59]Am wichtigsten ist es, die aktuelle Regierung, also Fides, abzuwählen und das Land wieder in Ordnung zu bringen. Ich fahre jetzt zu der Förderschule, auf die ich früher gegangen bin. Ich betreue dort ein paar Schülerinnen und Schüler ehrenamtlich als Mentoren. Es motiviert mich, junge Schüler zu unterstützen, weil ich nicht möchte, dass sie auf die schiefe Bahn geraten und genauso lange brauchen, um sich zu finden, wie es bei mir war.
[29:13]Man sollte niemals jemandem so lange so viel Macht geben. In den sozialen Medien wird einem ständig eingetrichtert, dass alles schlecht ist, und da ist auch was dran. Aber niemand zeigt uns, wie es anders laufen könnte.
[29:33]Ich denke, die Regierung hört der Jugend überhaupt nicht zu. Vielleicht wird ja Peter Morjo gewählt, auch wenn er nicht der Beste sein mag, immerhin wäre Orban raus und das würde uns eine neue Chance geben. Ich fahre jetzt zu der Förderschule, auf die ich früher gegangen bin. Ich betreue dort ein paar Schülerinnen und Schüler ehrenamtlich als Mentoren. Es motiviert mich, junge Schüler zu unterstützen, weil ich nicht möchte, dass sie auf die schiefe Bahn geraten und genauso lange brauchen, um sich zu finden, wie es bei mir war.
[29:13]Man sollte niemals jemandem so lange so viel Macht geben. In den sozialen Medien wird einem ständig eingetrichtert, dass alles schlecht ist, und da ist auch was dran. Aber niemand zeigt uns, wie es anders laufen könnte.
[29:33]Ich denke, die Regierung hört der Jugend überhaupt nicht zu. Vielleicht wird ja Peter Morjo gewählt, auch wenn er nicht der Beste sein mag, immerhin wäre Orban raus und das würde uns eine neue Chance geben.



