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Der größte Erzähler ist das Licht - Der Schriftsteller Christoph Ransmayr

Bilder unserer Zeit

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[0:27]In den ersten jener abenteuerlichen von Rätseln erfüllten Jahre, die manchmal schwärmerisch Kindheit genannt werden, habe ich Erzählungen vor allem als Gesänge gehört.
[1:31]Und dann wurden mir sozusagen herausgenommen aus dem Gesang, aus der Melodie die Geschichten erzählt.
[1:31]Und das war das erste, was ich verstand, dass eine Geschichte das haben muss: einen Anfang und ein Ende.
[2:18]Er wurde zum Träumer, zum Forscher, zum Schreibenden und zum Reisenden, an die entlegensten Orte dieser Welt.
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[0:27]In den ersten jener abenteuerlichen von Rätseln erfüllten Jahre, die manchmal schwärmerisch Kindheit genannt werden, habe ich Erzählungen vor allem als Gesänge gehört. Ein kleiner Chor von Frauen, unter ihnen meine Mutter und an Freitag Vormittagen auch eine Magd, die gemeinsam mit ihr nach der Stallarbeit in einem benachbarten Vierkanthof auf den knieenden rissigen Holzboden unserer Wohnung mit Reisbürsten und Kernseife wusch, sang von Vogelhochzeiten, von Königskindern und einem Männlein im Wald.

[1:31]Ich habe oft gefragt, wovon singt ihr? Was ist das für ein irgendetwas, für eine Tulpe? Was ist das für einen Frauenschuh? Mehr hatte ich nicht verstanden. Und dann wurden mir sozusagen herausgenommen aus dem Gesang, aus der Melodie die Geschichten erzählt. Und das war das erste, was ich verstand, dass eine Geschichte das haben muss: einen Anfang und ein Ende.

[2:18]Bücher faszinierten Christoph Ransmayr von klein auf. Sie machten ihn neugierig auf die Welt. Er wurde zum Träumer, zum Forscher, zum Schreibenden und zum Reisenden, an die entlegensten Orte dieser Welt. Er geht an seine Grenzen und überschreitet sie.

[2:42]In seinen Texten trifft Geschichte auf Gegenwart. Sie führen uns in die Arktis, in die Wüste und in Meerestiefen, beschreiben Aufbrüche und Heimkünfte und werfen einen Blick in Raum und Zeit, sowie in die Abgründe der menschlichen Seele.

[3:04]Josef Mazzini reiste oft allein und viel zu Fuß. Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer größer. So groß, dass er schließlich in ihr verschwand.

[3:23]Ist gehen eigentlich die geeignetste Form, um die Welt zu erkunden?

[3:35]Kann man sich die Welt ergehen? Ja, vom Tempo, vom Wahrnehmungstempo wäre das sicher so. Denn das Gehen entspricht ja in seiner Geschwindigkeit einer bestimmten Form des Nachdenkens. Aber natürlich, wenn man weiß, dass der Äquator Umfang dieser Erde, dieser Welt, ich denke 42.000 km beträgt, dann muss man natürlich schon sehr alt werden, um die Welt in ihren Waren, zumindest geografischen Dimensionen, äh, gehend zu erkunden.

[4:24]Was genau suchen Sie eigentlich auf ihren vielen Reisen? Sind es die Menschen, ist es die Natur, ist es das Erleben fremder Kulturen, was ist es genau? Also beim Reisen äh ist es ja nicht nur so, dass man auf etwas zugeht, einem Interesse nachgeht, einer einer Frage nachgeht, äh, sondern man geht ja auch immer von etwas weg. Also man schafft auch Distanz zu dem, was man für das vertraute, für das eigene hält. Und äh so verändern sich aber beide Perspektiven, nämlich der Blick zurück, äh verändert das, was man zurückgelassen hat, man bewertet und sieht es anders in anderen Farben, anderen Formen, anderen Umrissen. Und das, worauf man zugeht, verändert sich natürlich auch, so wie der Berg, dem man entgegen geht, immer größer, immer höher und immer scheinbar unersteigbarer wird, ja. Es ist ein ständiges Wechselspiel, so wie mich dann das neue und das Rätselhafte und auf Ideen bringt, die mir die das Vertraute noch einmal anders und neu erscheinen lassen. Und umgekehrt, dass mir das Vertraute, dass ich mitnehme, überall wohin mitnehme, zum Schlüssel wird, das, was mir entgegenkommt, äh, erst einmal zu akzeptieren und dann vielleicht andeutungsweise wenigstens zu verstehen. Bei meinen Nachforschungen war nie davon die Rede gewesen, dass ein Mensch in den Augenblicken seiner Angst auch leicht werden konnte. Federleicht, so unglaublich leicht, dass die nächste Brise ihn vor die Pranken und Fangzähne eines Raubtiers wehen oder ihn hochwirbeln konnte, wie Laub oder Seidenpapier, und so in etwas verwandeln, das bloß aus der Luft gepflückt oder mit einem spielerischen Prankenhieb aus einem richtungslosen, taumelnden Flug geschlagen zu werden brauchte. Ich schwebte. Ein Teil ihrer Reisen ist äh wunderbar zusammengefasst in ihrem Buch äh, der Atlas eines ängstlichen Mannes. Warum ist der Mann ängstlich? Die Ängstlichkeit äh in diesem Buch, äh in den 70 Episoden dieses Buches, äh meint weniger die Angst im Sinn von der Schrecken vor dem, was unbekannt und möglicherweise bedrohlich ist, sondern ist mehr eine Spielform der Vorsicht, einer Variante der Vorsicht, äh, dass jemand, der sich, in dem Fall ich, als ängstlichen Mann bezeichnet, einer ist, der natürlich auch sich vorstellen kann, was auf ihn zukommt, was dabei die mögliche Gefahr ist, äh, und auch die Erinnerung, was in einer vergleichbaren Situation schon einmal geschehen ist. Aber sie können sich auch vorstellen, dass Menschen zu ängstlich sind, um überhaupt zu reisen? Ja, es ist ja kein, es ist ja keine Forderung an an an den Menschen und an die Menschheit selber gefälligst sich auf den Weg zu machen. Es ist ja, wie in allem ist auch äh in diesem riesigen äh Universum des Reisens sehr viel an Reisen möglich, nämlich natürlich sind auch die die berühmten Kopfreisen, dass man sagt, ich das ganze Unglück der Menschheit besteht, äh, nur darin, äh, vor allem darin, dass sie nicht imstande ist, einfach ruhig in ihrem Zimmer zu verharren. Und es stimmt ja auch, dass es tatsächlich möglich ist, sehr viel von der Welt zu erfahren, wenn ich nur lange genug anderen Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, irgendwann zuhöre. Wenn ich ihnen oder wenn ich äh der der den Büchern äh, die sie dann geschrieben haben, als Leserfolge und so weiter. Also es gibt ja so viele Fenster in die Welt, äh, die von anderen geöffnet wurden. Aber irgendwer muss sich tatsächlich irgendwann auf den Weg machen, um dann berichten zu können, möglicherweise berichten zu können, was unter dem Horizont liegt. Das Vorspiel zu Mazzinis Verschwinden begann, als er unter den antiquarischen Beständen der Buchhandlung Koret die mehr als 100 Jahre alte Beschreibung einer Eismeerfahrt entdeckte, die so dramatisch, so bizarr und am Ende so unwahrscheinlich war, wie sonst nur eine Fantasie. Sie haben alles gesehen, mehr oder minder, was äh sie auch beschrieben haben. Äh mit einer großen Ausnahme, ihr Erfolgsbuch, die äh Schrecken des Eises und der Finsternis ist sozusagen aus Quellen heraus entstanden. Wie kam das, wo sie doch sonst allemal so auf der Spur sind persönlich? Ja, ich hätte mir damals äh, also in den 80er, frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, äh gar keine Eisbrecherfahrt oder eine Eismeerfahrt mit welchen Mitteln auch immer leisten können. Damals hat ein ein sehr guter Freund von mir, Rudi Paller, als Kameramann, äh mitgearbeitet an einer Dokumentation über das Franz Josef Land. Und ich habe mich eigentlich am Rande für die Materialien sehr interessiert und es hat mich eigentlich äh ja, es hat mich eigentlich diese diese Eismeerfahrt äh begonnen mitzunehmen, in den nach in den Norden zu ziehen und ich habe begonnen zu recherchieren dann für eine sogenannte historische Reportage über diese Expedition. Ich hatte daran Zweifel, ob das gelingen würde, habe mich aber dann auf diese Arbeit über Jahre, fünf Jahre lang äh damit beschäftigt, und war eben so selber einer, der sich auf den Weg gemacht hat, aber nicht ins Eis, sondern in die Archive.

[10:47]Und habe dann, als ich das wie ein Schwamm sozusagen voll gesogen war mit dem mit hochartischem Material, begonnen mir eine Geschichte auszudenken auf der Basis dieses Materials. Und das hat aber dann dazu geführt, dass mich z.B. Reinhold Messner verwechselt hat mit einem Eiswanderer, mit einem Arktisreisenden, und mich eingeladen hat mit ihm äh zur Lotze Südwand zu gehen, und ich dann das Missverständnis aufklären musste, dass ich mitnichten ein äh ein Abenteurer bin, sondern ein Leser, ein Zuhörer, ein Betrachter und ein Erzähler. Aber so hat unsere Freundschaft vor in den frühen 80er Jahren eben eben begonnen. Und als wir dann auch gemeinsam zum ersten Mal auf einem Eisbrecher in die Hohe Arktis gefahren sind, und zum ersten Mal diesen Archipel des Kaiser Franz Josef Landes gesehen haben, die Eisabbrüche, die Gletscher, die unvergleichlichen Lichterscheinungen auf diesen Inseln, hatte ich das Gefühl, äh ich bin hier zu Hause. Ich kenne das alles. Ich habe ja noch mehr, ich habe das erfunden. Nicht nur auf die Berge treibt es Christoph Ransmayr, sondern auch in den Berg, wo es zurückgeht zu den Anfängen, wo es Zeichen des Aufbruchs ebenso gibt, wie Spuren der Verwüstung. Ins Innere eines Berges zu gehen ist ja mit der Vorstellung einer Zeitreise verbunden. Es ist ja nicht zufällig, dass die ältesten Belege der Menschengeschichte sich im Inneren und nicht auf den Gipfeln der Berge finden, die Höhlenzeichnungen, äh, Dokumente eines eines ersten aufrechten Ganges, sozusagen.

[12:31]Und äh das war für mich auch immer ein eine Möglichkeit, äh entlang wieder wieder Abnoetaucher, der Freitaucher in die Tiefe geht, entlang äh von von Höhlenlinien, von Wegen ins Innere der Berge durch die Zeit zurückzugehen, dorthin, wo es weder uns noch etwas anderes wie uns gab. Aber es geht ja nicht nur in die Prähistorie, sondern im Inneren der Berge finden wir ja auch äh die Schauplätze der jüngsten und jüngeren Geschichte. Zum Beispiel von dem mit mit einem kulturellen Reichtum verbundenen Abbau des Salzes bis hin zu den schlimmsten Grausamkeiten, die in der Menschengeschichte je geschehen sind. Wie z.B. in den Stollen des Steinbruchs in Ebensee.

[13:40]Ich erinnere mich an meinen Zorn auf meinen Vater, der mein Lehrer war über in den Volksschuljahren mein Lehrer und der meine Geschwister, meine beiden Brüder, meine Schwester auch. Als wir mit ihm einen zunächst mal sehr unschuldig aussehen Ausflug nach Ebensee machten. Und die Frage aufkam, was in diesen riesigen Treppen des Steinbruchs äh an den Abhängen des Berges. Und uns äh mein Vater dann erzählte, was dort geschehen ist, von diesen vielen vielen tausend Leuten, die dort äh 18.000 waren, es zum Schluss, ja, von denen 11.000 gestorben sind. Und ich war in meinem Schock äh wirklich wütend auf meinen Vater, weil ich dachte, bis dahin, ich wäre aufgewachsen in einem Paradies. Und dann sagt mir dieser Mann, mein Vater, dass dort in diesem Paradies, im Garten jeden das schlimmste Geschehen ist, was sich überhaupt vorstellen lässt, wozu Menschen imstande sind. Und ich habe ihn dafür verantwortlich gemacht. Ich dachte, er, er wird der gewesen, der mit seiner Erzählung, mit dem Aufreißen dieses Bildes, alles zerstört hat, was ich äh für meine Welt gehalten habe. Ich meine, ich war dann später natürlich sehr sehr dankbar dafür, dass er mich äh dass er mir gezeigt hat, äh welche Seiten und welche langen langen Schattenwürfe, die selbst die schönste, die Schönheiten der Welt haben. Aber damals war ich maßlos enttäuscht. War er es, der sie auch zu den Geschichten hingeführt hat, weiß seine Bibliothek äh die ihre ersten Abenteuer Reisen im Geist ermöglicht haben? Ja, natürlich war diese war diese seine Bibliothek äh immer ein Zauberreich für mich. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt äh bis zu dem ich dann lesen lernte und sah, dass die Buchrücken äh Alphabet Schriften trugen, die mir trotz meiner Lesekundigkeit äh rätselhaft, Hyroglyphenhaft blieben, weil da stand die Ilias und die Odyssee in der griechischen Fassung. Da standen die Romane der großen russischen äh Erzähler äh in der russischen Fassung mit dem entsprechenden Alphabet. Und die Enttäuschung war groß, als er mir sagte, äh eine Sprache zu sprechen, die eine Schrift zu erlernen, ist eben nur ein Fenster in das Zauberreich der Verwandlung von etwas in Sprache. Und es gibt viele Fenster und niemand sollte glauben, dass sein Fenster das am weitesten offenstehende ist, am weitesten äh ins Innere der Welt führende. Und äh dann ging es aber für mich in der Erinnerung äh zurück in die Geschichten, die ich von meiner Mutter äh kannte. Gehört habe, vor allem als gesungene Geschichten.

[17:02]Und dann hat meine Mutter mit mir im Spiel äh begonnen, die Buchstabensuppen, die ich sehr liebte, einfach, weil ich diese ein immer ein Freund der sogenannten Nudelsuppen war. Aber die Form der Nudel als Buchstabe war etwas Wunderbares, dass sie am Tellerrand äh die Buchstaben angeordnet hat zu Worten, zu Sätzen, die ich dann mit dem Löffel wieder zurück an vom von diesen Porzellankrand des Tellers wieder zurück in die Suppe geschaufelt habe und gegessen. Und meine Mutter hat mir erklärt, dass z.B. sich das, was im Wort mehr in ein Men nur aus vier Buchstaben bestehenden Wort verbirgt, etwas unendlich großes ist. dass man da die Brandung hören kann, die Wellen sehen kann, Schiffe, alles in diesem einen Wort verborgen. Und das erschien mir als Magie. Die Magie der Sprache weiß Ransmayr, wie kaum ein anderer zu entfalten. Doch auch für ihn gibt es Dinge, die sprachlos machen, der Blick ins All rückt manches zurecht, relativiert Vorstellungen von Zeit, Raum und Bedeutung und lässt das Licht erzählen. Sie bezeichnen sich als Sonntags Astronomen, haben aber gleichzeitig auch Astronomie studiert, zumindest im Nebenfach. Was suchen Sie eigentlich im All? Also alles, was wir sehen, sind sozusagen die Objekte der Sehnsucht und der Forschung und der Vermessung von Menschen. Und ich sehe sozusagen immer, ich sehe nicht nur die Sternbilder, sondern ich sehe hinter den einzelnen Sternen oder in meiner Vorstellung jedenfalls, äh die Menschen. Äh, die sich mit diesen, mit diesen nuklearen Feuerbällen beschäftigt haben über viele viele Jahre oder eben wirklich über Generationen. Und das, was sie äh erreicht haben mit ihrer Betrachtung und Vermessung, ist unfassbar. Es ist unglaublich, denn der größte Erzähler, wenn man das so sagen darf, mit metaphorisch, ist das Licht. Also es gibt, es gibt nichts in der Natur, für mich jedenfalls nichts, was größere und über weitere Zeiträume ausgespannte Geschichten erzählen kann, als das Licht. Und ich habe mich teilweise auch mit Spektralanalyse beschäftigt und also mit einer Analyse, die das Licht zerlegt in diese verschiedenen Wellenlängen Bestandteile und Rückschlüsse erlaubt, aus welchem Materialien, aus welchen Elementen dieser oder jener oder jener Stern besteht, wie heiß er ist, wie groß er ist, wie massereicher ist. Also unzählige Informationen, die man diesem Licht äh äh entnehmen kann, von diesem Licht ableiten kann. Aber was ich jetzt mache, ist eigentlich sehr oft nur unter dem Sternenhimmel stehen und den freien Auges betrachten, denn jemand, der mit dem, was er sieht in der Finsternis, nicht mit freiem Auge etwas, ich sage ruhig, begeisterndes anfangen kann, für den macht es auch keinen Sinn, ein Teleskop zu benutzen.

[24:14]Abseits aller physikalischen oder gar philosophischen Betrachtungen ist die Ewigkeit für Sie etwas vorstellbares? Also ich ich nehme an, dass es niemanden gibt, äh äh der sich das, was man unter Ewigkeit äh verstehen könnte, vorstellen kann. Aber das Interessante oder vielleicht auch das Fruchtbare an dieser Unendlichkeit, also an etwas, was kein Ende, aber auch keinen Anfang hat, ist ja, dass man äh die Grenzen von etwas, die Grenzen unseres Lebens oder unserer Welt oder des Daseins überhaupt, irgendwann als flimmernde Linie am Horizont sieht oder bewusst sich bewusst macht, äh dass das eben, was ist nicht alles ist und dass es jenseits davon immer noch etwas gibt, aber wovon wir, wie der Philosoph sagt Wittgenstein, worüber wir nicht äh sprechen können, reden können darüber müssen wir schweigen.

[25:26]Und schließlich die Orte der Kindheit. Wege, die man immer wieder gegangen ist, Plätze, die einem Furcht einjagten und Faszination auslösten. Erinnerungen, die zu Erzählungen werden. Der Mikrokosmos der Familie als Quelle großer Literatur.

[26:00]Der Traunfall ist ein wirklich beeindruckender Ort, an dem man versucht hat, die Natur zu bändigen. Sie haben aber auch eine familiäre Beziehung zu diesem Ort. Das ist das sogenannte Fallmeisterhaus und in diesem Haus war ihr Urgroßvater tätig als letzter Fallmeister. Was war denn genau seine Aufgabe? Ja, der Fallmeister, dieser schöne, fast poetische Titel, war sozusagen der Titel und der Name äh für die Arbeit eines Schleusenwärters. Dieser Schleusenwärter musste eben das Wasser, der Traun, des Flusses, so dirigieren und lenken, dass es in einen schiffbaren Kanal geführt wurde, über den und auf dem die Salzzelen dann abgesenkt wurden. Und mein Urgroßvater, ich weiß nicht genau, ob es tatsächlich das Jahr 1909 war, aber ich glaube, es war 1909, das Jahr, in dem er als letzter Fallmeister den letzten Salztransport abgesenkt hat. Mein Vater hat fünf Menschen getötet. Wie die meisten Mörder, die bloß Tastaturen, Hebel oder Kippschalter bedienen, wenn sie für einen maßlosen Augenblick die Herrschaft über Leben und Tod an sich reißen. Berührte er dabei kein einziges seiner Opfer oder sah ihm auch nur in die Augen, sondern flutete über eine Reihe blanker Stahlbinden, eine der Flussschifffahrt dienende Bootsgasse. Sie haben diesen Ort auch literarisch verarbeitet, machen aber eine fast dystopische kriminalistische Geschichte daraus. Ja, es ist ja wie bei fast allen Fakten, die ins Innere einer Geschichte, einer Erzählung oder eines Romans geraten, so, dass diese Fakten sich verwandeln und zur Fiktion werden. Die Tatsache, dass es hier einen Fallmeister gab, dass der äh zufällig auch in meiner Familie eine Rolle als spielte oder mein Vater hier im Fallmeisterhaus geboren wurde, das sind das sind Anstöße, ja, in einer gewissen in einem gewissen Sinn Provokationen der Fantasie gewesen. Und das, was in diesem Buch, dass den Titel der Fallmeister trägt, erzählt wird, hat mit der tatsächlichen Geschichte Historie hier so gut wie gar nichts zu tun, außer der Tatsache, dass es einen Fluss gab, dass dieser Fluss über einen Wasserfall abstürzt und dass dieser Fall überwunden werden musste, dass aber aus diesen Grundbedingungen der Historie dann etwas wird, äh was dann wie eine ja, fast eine Kriminalgeschichte anmutet,

[28:54]dass es natürlich Fantasie.

[29:16]Wir befinden uns hier zu dem auf dem Gemeindegebiet ihres Kindheitsortes, wo sie aufgewachsen sind. Was bedeutet denn dem Weltenbürger Ransmeier der Begriff Heimat? Ja, also Heimat ist ja vor allem in all diesen verschiedenen und zum Teil sehr perversen Verwendungen, in denen das Wort, der Begriff eingesetzt wurde, äh, vor allem ein Codewort dafür, dass es das, was man als Heimat äh erlebt oder empfindet, äh, dass das keinen Ort hat. Also keinen geografischen Ort, sondern dass das etwas ist, was wir mit uns tragen, im Kopf, in der Erinnerung und empfahl es gesagt, natürlich auch im Herzen. Dort, wo wir groß geworden sind, wo wir die ersten Bilder unseres Lebens gesammelt haben, dass wir das mitnehmen, wohin immer wir auch gehen. Und die Erinnerung an unsere ersten Bilder, an unseren ersten Ort sind ähnlich wie alle Erinnerungen an unsere Kindheit, unsere ersten Jahre in diesem Leben, etwas, das uns prägt.

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