[0:00]In diesem Video werde ich euch John Rolls Theorie der Gerechtigkeit verständlich erklären. Legen wir direkt los. Wie ihr wisst, sind Güter und Ämter in unserer Gesellschaft begrenzt. Nicht jeder kann reich sein oder eine Führungsposition haben. Weil diese Dinge begrenzt sind, müssen wir sie irgendwie verteilen. Dabei würde uns eine ungerechte Verteilung der Güter stören, weil wir laut John Rolls ein starkes Bedürfnis nach Gerechtigkeit haben. Viele empfinden beispielsweise die relativ hohe Vermögensungleichheit in Deutschland als ungerecht. Damit wir alle die Gesellschaft als gerecht akzeptieren können, brauchen wir nach Rolls bestimmte Regeln. Sogenannte Gerechtigkeitsgrundsätze, die festlegen, wie Ämter und Güter verteilt werden. John Rolls zeigt uns mit seiner Theorie genau diese Gerechtigkeitsgrundsätze auf. Und erklärt uns somit, wie man eine gerechte gesellschaftliche Grundordnung erschafft. Wie will Rolls diese Gerechtigkeitsgrundsätze finden? Dafür hat er ein berühmtes Gedankenexperiment entwickelt, das wir jetzt gemeinsam durchspielen. Stellt euch folgendes vor: Ihr seid zusammen mit allen anderen Menschen in einer Ausgangssituation, dem sogenannten Urzustand. In diesem Urzustand sollt ihr gemeinsam die Gerechtigkeitsgrundsätze festlegen, nach denen die Gesellschaft später organisiert sein soll. Dabei gelten vier Bedingungen. Erstens könnt ihr euch sicher sein, dass die festgelegte Ordnung später von allen befolgt wird, da alle Menschen im Urzustand laut Rolls einen Gerechtigkeitssinn haben. Außerdem habt ihr zweitens ein grundlegendes Verständnis von menschlichen Gesellschaften! Ihr besitzt also ein Grundwissen über Soziologie, Ökonomie, Psychologie und so weiter. Drittens trennt euch ein sogenannter Schleier des Nichtwissens von eurem zukünftigen Leben in der Gesellschaft. Das heißt, dass ihr im Urzustand keine Ahnung habt, was euer sozialer Status sein wird, oder eure Hautfarbe, euer Geschlecht, Intelligenz, Gesundheit, Körperkraft, Vorlieben, Abneigungen und sogar eure späteren moralischen Überzeugungen kennt ihr nicht. Auch eure Beziehungen zu anderen Menschen sind euch völlig unbekannt. Kurz gesagt, niemand weiß, wer er oder sie ist. Somit sind alle in diesem hypothetischen Urzustand vollkommen entindividualisiert und somit gleich. Jedoch könnt ihr viertens rational denken und seid nur eigeninteressiert. Was bedeutet, dass ihr nur für euch selbst die bestmöglichen Lebens- und Zukunftschancen sichern wollt, ohne euch um das Schicksal der anderen zu kümmern. Unter diesen vier Bedingungen: Wie würdet ihr die Verteilung von Gütern und Ämtern in der Gesellschaft gestalten? Wer sollte was und wie viel bekommen? Sollte es ein Mindestmaß an Wohlstand für alle geben und vielleicht sogar eine Maximalgrenze? Wenn ihr möchtet, pausiert das Video kurz und denkt einen Moment darüber nach. Schreibt mir gerne eure Gedanken in die Kommentare. Ich bin gespannt, was ihr euch überlegt habt. Wozu ist dieses Experiment gut? Rolls Grundidee ist, dass die gerechtfertigten Gerechtigkeitsprinzipien genau die sind, auf die sich freie und rational selbstinteressierte Menschen im Urzustand einigen würden. Damit gehört Rolls Theorie zur Familie der Vertragstheorien. Vertragstheoretikern wie Rolls ist klar, dass es den Urzustand, in dem ein Gesellschaftsvertrag beschlossen wird, nicht wirklich gibt. Stattdessen handelt es sich beim Urzustand um ein Gedankenspiel, um Prinzipien herauszuarbeiten, beziehungsweise bestehende Prinzipien dahingehend zu prüfen, ob sich rational selbstinteressierte Menschen unter fairen Bedingungen darauf einigen würden.
[4:04]So viel allgemein zur Vertragstheorie. Wie würden die Menschen im Urzustand die Gerechtigkeitsgrundsätze festlegen? Laut Rolls ist der Schleier des Nichtwissens dafür zentral. Beispielsweise würde ja niemand der rational selbstinteressierten Menschen eine Gesellschaft erschaffen wollen, in der nur Männer sehr viel Vermögen haben und alle anderen keins, weil niemand weiß, welches Geschlecht man später hat. Stattdessen würden die Menschen laut Rolls vernünftigerweise nach der sogenannten Maximin-Regel handeln, bei der man das Maximum der Minima erreichen will. Diese Regel besagt im Wesentlichen, dass man bei Entscheidungen unter Unsicherheit die Handlungsalternative wählen sollte, deren schlechtester Ausgang immer noch besser ist als der schlechteste Ausgang jeder anderen Alternative. Für die Menschen unter dem Schleier des Nichtwissens bedeutet das, dass sie sich fragen, was die ungünstigste Position in der Gesellschaft wäre, die sie bekommen könnten. Dabei ist ganz egal, wie unwahrscheinlich das ist. Sie versuchen dann, dass diese schlechteste Position noch so gut wie möglich da steht, weil sie selbst im schlimmsten Fall dort landen könnten. Die rational selbstinteressierten Menschen im Urzustand erschaffen also vernünftigerweise Gerechtigkeitsprinzipien, die niemanden diskriminieren. Denn sie wissen nicht, an welchem Ende sie selbst landen werden. Somit ermöglicht der Schleier des Nichtwissens laut Rolls die größtmögliche Fairness bei der Entwicklung der Gerechtigkeitsgrundsätze, da unter ihm alle gleich sind. Deshalb nennt er seinen Ansatz auch Theorie der Gerechtigkeit als Fairness. Bevor ich euch gleich die zwei konkreten Gerechtigkeitsgrundsätze verrate, auf die sich die Menschen im Urzustand einigen würden, sollten wir noch zwei Kritikpunkte an Rolls Gedankexperiment besprechen. Erstens kann man kritisch hinterfragen, ob rational selbstinteressierte Menschen unter dem Schleier des Nichtwissens wirklich nach der Maximin-Regel handeln würden. Dafür spricht, dass es auch im echten Lebenssituationen gibt, in denen wir so vorgehen. Rolls veranschaulicht das mit einem Beispiel, bei dem zwei Personen einen Kuchen möchten. Wenn die eine Person die Kuchenstücke teilen darf, aber die andere zuerst wählen darf, wird die teilende Person den Kuchen möglichst gleich teilen, weil sie weiß, dass die andere das größere Stück nehmen wird. Im gleichen Sinne schreibt Rolls über den Urzustand, dass die Gerechtigkeitsgrundsätze diejenigen sind, die jemand als Plan für eine Gesellschaft wählen würde, in der ihm sein Feind einen Platz zuweisen kann. Jedoch kann man genauso vorstellen, dass die Menschen im Urzustand eine Gesellschaft entwerfen würden, in der es 0,1 % der Bevölkerung sehr schlecht geht. Während die übrigen 99,9 % davon profitieren, in der Hoffnung selbst zu den 99,9 % zu gehören. So eine Ausbeutung einer Minderheit, um den Durchschnittsnutzen in der Gesellschaft zu steigern, wäre mit dem klassischen Utilitarismus womöglich vereinbar. Genau deshalb ist John Rolls Konzeption, die man auch egalitärer Liberalismus nennt, unvereinbar mit einem klassischen Utilitarismus. Der zweite Kritikpunkt an Rolls Gedankenexperiment lautet folgendermaßen: Man kann hinterfragen, ob die rational selbstinteressierten Menschen im Urzustand wirklich beabsichtigen würden, die festgelegte Ordnung später zu befolgen. Ein echtes rationales Eigeninteresse könnte nämlich unvereinbar mit so einer bedingungslosen Regelbefolgung sein. Ein Beispiel: Ein rein rational selbstinteressierter Mensch könnte beispielsweise für kostenpflichtige öffentliche Verkehrstickets stimmen, um eine gute öffentliche Infrastruktur zu erreichen. Gleichzeitig könnte er selbst schwarzfahren und so vom verbesserten Verkehrsnetz profitieren, ohne selbst etwas zahlen zu müssen. Im Urzustand könnte ebenfalls eine solche Trittbrettfahrermentalität herrschen, wodurch die Menschen womöglich anders handeln würden, als Rolls es denkt. Vielleicht beschließen sie etwas, ohne die Absicht zu haben, sich später daran zu halten. Aber nehmen wir einmal an, John Rolls hat Recht mit allem, was er sagt. Dann bin ich euch jetzt eine Antwort schuldig, wie die Gerechtigkeitsprinzipien konkret lauten, auf die sich die Menschen im Urzustand einigen würden. Bevor ich euch das verrate, möchte ich euch jedoch noch bitten, meinen Kanal zu abonnieren, wenn euch das Video bis hierhin gefällt. So könnt ihr meine Arbeit ohne viel Aufwand unterstützen und verpasst in Zukunft kein Video mehr. Vielen Dank. Okay, jetzt kommt die Auflösung, aber eigentlich müsste ich euch die gar nicht geben. Weil laut Rolls alle, also auch ihr, unter den fairen Bedingungen des Urzustands zu denselben zwei Gerechtigkeitsgrundsätzen gelangen müsstet, wenn ihr rational und eigennützig denkt. Aber ich verrate euch die Prinzipien trotzdem. Das erste Prinzip ist das Gleichheitsprinzip, oder Prinzip der gleichen Freiheit. Rolls beschreibt es folgendermaßen: Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist. Lass mich euch das erklären. Dieser Grundsatz bezieht sich auf immaterielle Grundgüter, wie Meinungs- und Religionsfreiheit und besagt, dass solche Grundfreiheiten gleich verteilt werden sollen. Sie stehen also jedem zu. Zusätzlich soll die individuelle Freiheit der Menschen bestmöglich maximiert werden. Solange das mit den Grundrechten der anderen vereinbar ist. Meinungsfreiheit ist demnach akzeptabel, aber ein Recht andere zu beleidigen, nicht. Denn das wäre nicht mit den Grundrechten der anderen vereinbar. Auch ein repressives Regime, dass die Grundfreiheiten aller in gleicher Weise einschränkt, wäre nicht mit dem Gleichheitsprinzip verträglich. Denn auch wenn hier alle gleich behandelt werden, wird die individuelle Freiheit der Menschen nicht bestmöglich maximiert. Zweitens ergibt sich im Urzustand das Differenzprinzip, dass sich auf materielle Grundgüter bezieht. Demnach sind soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten so zu gestalten, dass a vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen und b sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen. Der erste Teil bedeutet, dass eine ungleiche Vermögensverteilung nur dann gerechtfertigt ist, wenn alle, auch die weniger vermögenden, mit dieser Verteilung besser dastehen, als mit einer gleicheren Verteilungsstruktur. Zum Beispiel könnten die Ungleichheiten motivierend wirken. Aufgrund dessen könnte eine gesellschaftliche Produktivitätssteigerung einsetzen, von der am Ende alle mehr profitieren, als von einer Gleichheit. Zusätzlich müssen dem zweiten Teil zufolge alle die gleichen Chancen haben, zu einem hohen Vermögen zu kommen. Rolls meint damit nicht nur eine formale Chancengleichheit, bei der jeder die rechtliche Erlaubnis hat, reich zu werden. Er fordert, dass Menschen mit gleichen Fähigkeiten und der gleichen Bereitschaft diese einzusetzen, auch gleiche Erfolgsaussichten haben sollen. Unabhängig von ihrem sozialen Stand, Geschlecht oder anderen Merkmalen. Es darf also keine soziale Lotterie geben, durch die man Vorteile erhält, nur weil man in eine wohlhabende Familie geboren wurde. Solche sozialbedingten Chancenungleichheiten muss man also irgendwie ausgleichen. Neben der sozialen Lotterie müsste man jedoch auch die Lotterie der Natur, wie Rolls sie nennt, also beispielsweise die natürliche Verteilung von Begabung oder anderen Merkmalen, irgendwie ausgleichen. Denn auch das kann zu ungleichen Chancen führen. Beispielsweise könnte man weniger begabte mehr fördern, um deren natürlichen und oder sozialbedingten Nachteil auszugleichen. Bei der Anwendung des Differenzprinzips hat dieser zweite Teil der Chancengleichheit jedoch immer Vorrang vor dem ersten Teil, der legitime Ungleichheiten zulässt. Und wenn man beide Gerechtigkeitsprinzipien betrachtet, hat das Gleichheitsprinzip ebenfalls einen absoluten Vorrang vor dem Differenzprinzip. Dadurch kann die Verletzung von Grundfreiheiten nie mit größeren gesellschaftlichen Vorteilen gerechtfertigt werden. Apropos Anwendung. Wenn wir das Differenzprinzip praktisch anwenden, können sich in der Gesellschaft laut Rolls drei Gerechtigkeitszustände ergeben. Diese will ich euch Stück für Stück erklären. Beginnen wir beim ersten, dem ungerechten Zustand. Dieser liegt vor, wenn die Privilegierten in der Gesellschaft so viel bessergestellt sind, dass eine Verringerung ihrer Vorteile die Situation der am stärksten Benachteiligten verbessern würde. Die bessere Position der Privilegierten ist dann nämlich nicht zum Vorteil aller, was nach dem Differenzprinzip jedoch Voraussetzung für eine gerechte sozioökonomische Ungleichheit ist. Lass mich euch ein Beispiel dafür geben. Bei der Vermögensungleichheit könnte man zum Beispiel argumentieren, dass viele Menschen finanziell sehr arm sind. Während die obersten 1% Geld im Überschuss haben. Diese Ungleichheit ist nicht zu jedermanns Vorteil, weil die ärmeren unverhältnismäßig darunter leiden und es ihnen deutlich besser ginge, wenn sie mehr Vermögen hätten. Demnach ist die Vermögensverteilung nach Rolls Differenzprinzip ungerecht und man müsste das Vermögen anders verteilen. Aber nicht jede Ungleichheit ist automatisch ungerecht. Damit sind wir beim zweiten Zustand, dem durchweg gerechten Zustand. Dieser liegt vor, wenn die bessere Stellung der Privilegierten zumindest zum Wohl der schlechter Gestellten beiträgt. In diesem Fall wäre es für alle schlechter, wenn die Güter gleicher verteilt werden. Allerdings ist in diesem Zustand noch nicht das Maximum erreicht. Die Privilegierten müssen sogar noch weiter besser gestellt werden, damit sich die Situation der Benachteiligten ebenfalls verbessert. Ein hypothetisches Beispiel dazu. Eine leichte Einkommensungleichheit könnte gut sein, da sie weniger Verdienende motiviert, härter zu arbeiten. Dadurch könnten gesamtgesellschaftlich alle zu größerem Wohlstand kommen. Eine etwas größere Einkommensungleichheit könnte diesen positiven Effekt jedoch noch maximieren. Dann wäre man beim dritten, dem vollkommen gerechten Zustand. Dieser stellt eine optimale Ungleichheit dar. In diesem Zustand ist die Ungleichheit produktiv und vorteilhaft für alle. Und auch die Aussichten der schlechtergestellten werden durch die Ungleichheiten maximiert. Allerdings dürfen die Ungleichheiten nicht darüber hinaus anwachsen, so dass sie nicht mehr zum Vorteil aller sind. Man kann die gerechte Verteilung von Grundgütern nach dem Differenzprinzip also folgendermaßen zusammenfassen: So gleich wie möglich, so ungleich wie nötig. Wie schon gesagt, müssen die Positionen und Ämter, die mit sozioökonomischen Ungleichheiten verbunden sind, allen offen stehen. Zwei gleich begabte und gleich bemühte Personen aus unterschiedlichen sozialen Schichten müssten demnach mit gleicher Wahrscheinlichkeit das Abitur machen und studieren können. Ob das im deutschen Bildungssystem aber tatsächlich der Fall ist, beleuchte ich in diesem Video. Schaut gerne rein, wenn euch das interessiert. Ich wünsche euch viel Spaß dabei, bis gleich.



