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Professionelle Identität und warum wir manchmal Regeln brechen müssen (mit Hans & Renate Thiersch)

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[0:00]Herzlich willkommen auf dem Kanal, herzlich willkommen bei Lebenswelten Wanderer und herzlich willkommen zum zweiten Teil mit dem Ehepaar Tierch.
[0:00]Falls ihr den ersten Teil noch nicht gesehen habt, empfehlen wir euch den zuerst zu schauen.
[0:00]Die Teile bauen jetzt nicht ganz aufeinander auf, aber es gibt kleinere Rückbezüge und auch schon im ersten Teil werden ein paar Themen, die wir hier besprechen, angesprochen.
[0:00]Und damit möchte ich auch noch mal darauf verweisen, dass uns vollkommen bewusst ist, dass wir weder im ersten noch jetzt im zweiten Teil die beiden Themen vollumfänglich besprechen konnten.
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[0:00]Was geht? Herzlich willkommen auf dem Kanal, herzlich willkommen bei Lebenswelten Wanderer und herzlich willkommen zum zweiten Teil mit dem Ehepaar Tierch. Falls ihr den ersten Teil noch nicht gesehen habt, empfehlen wir euch den zuerst zu schauen. Die Teile bauen jetzt nicht ganz aufeinander auf, aber es gibt kleinere Rückbezüge und auch schon im ersten Teil werden ein paar Themen, die wir hier besprechen, angesprochen. Und damit möchte ich auch noch mal darauf verweisen, dass uns vollkommen bewusst ist, dass wir weder im ersten noch jetzt im zweiten Teil die beiden Themen vollumfänglich besprechen konnten. Aber wenn ihr mir schon länger folgt, wisst ihr, was jetzt kommt, genau, schaut mal in die Infobox rein. Ich habe euch da ein paar Links zu dem Thema da gelassen. Falls ihr euch also tiefergehend damit befassen wollt und das hier nur als Einstieg oder vielleicht auch als Nacharbeitung benutzt, in der Infobox findet ihr noch mal ein paar Links, die euch vielleicht helfen, das Thema besser zu verstehen. Falls ihr eine Prüfung, eine Hausarbeit oder was immer schreibt, ihr wisst, ich wünsche euch viel Erfolg dabei und hoffe, dass die Videos euch hier helfen können. Ich möchte euch jetzt auch gar nicht lange hinhalten. Wir schauen jetzt einfach direkt rein. Ich gebe euch vielleicht noch mit auf den Weg, dass ich mich über ein Abo und ein Like sehr freuen würde. Also schaut mal, ob ihr das schon gemacht habt. Ansonsten fangen wir jetzt einfach mit dem Gespräch an und steigen ein. Wir wollen uns mit der Frage jetzt beschäftigen, was bedeutet professionelle Identität. Eine der grundlegendsten Fragen innerhalb der sozialen Arbeit, ein wahnsinnig komplexes Feld und ich glaube, ich kann jetzt schon mal voranschieben, dass wir es bei Nichten schaffen werden, das in Gänze zu besprechen. Wir wollen aber trotzdem ähm es nicht unprobiert lassen, das Thema einmal aufzugreifen. Als Einstiegsfrage habe ich mir ähm aufgeschrieben und überlegt, ähm ab wann bin ich professionell? Reicht es kann man sagen, ich habe meinen Bachelor, nun bin ich Profi oder gehört doch da etwas mehr dazu. Ja. Bitte.

[1:55]Ich finde, wir haben ja in der ersten Einheit äh sozusagen etwas fahrlässig immer unterstellt, dass es wichtig ist in den Kooperationen und Netzen, dass die Sozialpädagogik sich in ihrem eigenen Geschäft sicher ist und dass sie weiß, was sie als Sozialpädagoge einbringt. Dass das ist so etwas wie eine professionelle Identität hat. Mhm. Und deshalb ist es, glaube ich, sinnvoll, dass wir da noch mal genauer gucken. Denke ich, das erste Problem gerade im Kontext der Lebensweltorientierten sozialen Arbeit, dass diese Frage nach der spezifisch professionellen Haltung in sich ganz widersprüchlich ist. Mhm. Ich habe oben gesagt, Lebensweltorientierte Arbeit geht davon aus, wie die Adressaten sich verstehen, wie sie sich in ihrem Leben bewegen und sucht sie darin in ihren erfahrenen Unzulänglichkeiten, aber auch in ihren Hoffnungen und in ihren Ressourcen und Möglichkeiten zu unterstützen. Das heißt, sie gibt sich Mühe, Lebensweltorientierte soziale Arbeit gibt sich Mühe sozusagen im Standpunkt und im in der Weltsicht der Adressaten zu agieren. Und das bedeutet konkret auch, dass sie versucht nicht durch eine spezifische Fachsprache, die Adressaten zu dupieren oder durch eine nach außen gezeigte Betonung dessen, dass sie als Profi zuständig ist, sondern sie geht zunächst davon aus, dass die Menschen für ihr eigenes Leben selbst zuständig sind und das das nur gleichsam in begleitender und beratender Form unterstützt werden kann. Und das führt dazu, dass von außen andere Professionen denken, dass die Arbeit in der Gestaltung des Alltags eigentlich eine nicht professionelle ist. Das ist dann eher das, was in Familien ja auch passiert, wenn also der irritierte Vater getröstet werden muss oder der aus dem äh äh äh die strenge schlagende Sohn wieder zurecht genommen werden muss und das führt bei Juristen, Psychiatern und in der Gesellschaft generell dazu, dass soziale Arbeit eigentlich sozusagen, wenn sie gut ist, das praktiziert, was ein guter, gesunder Menschenverstand auch praktiziert. Das ist hört sich jetzt so einfach an. Ja, genau. Und das denke ich mir ist falsch. Mhm. Denn soziale Arbeit agiert ja nicht nur, indem sie mitmacht, sondern indem sie, wie sie das vorhin auch gesagt haben, versucht, in den dort gegebenen verworrenen Verhältnissen, sie haben vom Chaos geredet, äh Strukturen hineinzubringen oder Orientierung hin zu etwas gelingenderem. Das heißt, sie mischt sich ein, aber sie mischt sich ein, indem sie in den Alltagsmodalitäten versucht zu strukturieren. Und dieses ist eine Kunst, die sowohl methodisch gestützt werden muss, wie sozusagen eine besondere Form von Achtsamkeit braucht, die aber auch davon lebt, dass sie nicht dauernd darauf demonstriert, dass sie das bessere weiß und kann, sondern die versucht mit den Adressaten gemeinsam etwas zu entwickeln und darin und das ist ja das Ziel, den Adressaten zu vermitteln, dass sie selbst etwas wollen und dass sie selbst etwas können. Mhm. Und dies als spezifische Professionalität gegenüber Professionen zu behaupten, die sozusagen in der Betonung ihres Spezialwissens und ihres gleichen besonderen Status auch darauf beharren, ist gar nicht ganz einfach, aber ich denke, es ist das Charakteristikum der sozialen Arbeit. Und das deckt sich ein bisschen mit dem, wenn ich es richtig verstehe, wie Öbermann äh soziale Berufe beschrieben hat, dass sie nämlich immer ein Mix tun sein aus klassischer Professionalität und Menschlichkeit oder

[6:01]also in meiner Sprache sozusagen aus methodischer Strukturierung und mitmachen und sensibel sein in den Figuren des Alltags, in denen man hilft und unterstützt. Mhm, Frau Tirsch, gerne. Ja, ich würde das jetzt gerne ergänzen, äh weil ich es wichtig finde, darauf hinzuweisen, wie unterschiedlich die Arbeitsfelder sind, in denen die Sozialarbeitenden tätig sind und dass, was du beschreibst, sich eher bezieht auf das Arbeitsfelder, in denen man mitlebt, in denen man unmittelbar mit den Adressatinnen umgeht, auch noch in der Beratung.

[6:40]Beratung auch, ja. Und genau in der Beratung auch, aber das ist daneben auch äh äh Teile der Arbeit oder eigene Arbeitsfelder gibt, die eher organisierend, vermittelnd, koordinierend sind und in denen es wichtig ist, diese Haltung, die da dahinter steht, nämlich sich äh für die Verbesserung äh der äh der des Alltags der Adressatinnen in deren Sinn einzusetzen, äh dann wieder einen ganz anderen Charakter bekommt. Also nicht jede Sozialarbeiterin oder Sozialarbeiter äh arbeitet direkt mit einer Adressatin, äh sondern viele müssen das auf sozusagen auf einer etwas abstrakteren Ebene dann vermitteln, indem sie Strukturen schaffen im Gemeinwesen oder in äh in einem Verband oder so, äh äh die genau dieses ermöglichen und nicht verhindern. Und ich denke, deshalb also die die Grundhaltung ist die gleiche, aber die Arbeitsmethoden und die Arbeitsvorgänge unterscheiden sich sehr in dem ganzen Spektrum der sozialen Arbeit. Also das ist ganz sicher und erst da sozusagen gewinnt es dann jeweils seine konkrete Gestalt, aber ich würde, wenn ich darf, gerne noch mal auf der Grundhaltung insistieren, den mit denen man arbeitet. Ob das im Stadtteilzentrum ist, in einer Bürgerinitiative, im Erziehungsheim oder in der Beratung.

[8:03]Das Gefühl zu vermitteln, dass es darauf ankommt, was sie können, gestalten und äh wie sie zu dem kommen, wie sie sich denken, dass es besser sein könnte. Und dass es nicht darauf ankommt, dass ich ihnen sozusagen, dass ich ihnen so etwas aufstülpe. Genau. Also das heißt, dass die eine gelingende professionelle Arbeit ist, wenn man es sehr frech formuliert, eine, die dann hinterher fast verschwindet, nämlich, dass die Menschen das Gefühl haben, ja, irgendwie, ich komme mit meiner Situation zurande und das ist Klasse. Mhm. man ist dabei beraten, unterstützt und angeregt worden, aber es ist doch eigentlich das, was ich geschafft habe und das ist denke ich mir die spezifische Form eines Vertrauensbündnisses, was versucht, jedenfalls die Sache nicht dadurch zu erschweren, dass das eigene und auch das Potenzial der Professionalität in seiner Eigenheit betont und herausgestellt wird. Mhm. Also das ist sozusagen Koproduktion im im aller äh eigensten Sinne und äh Koproduktion heißt ja auch, äh dass äh die Betroffenen, die Adressatinnen, äh ihren Anteil an der Produktion durchaus wahrnehmen und schätzen können und das bedeutet zum Teil für die äh äh äh Professionellen, dass sie gar nicht genug äh wertgeschätzt werden, nicht ständig bedankt werden, wie jemand, der am, ne, Der Chirurg, der einen wieder zusammennäht und wo man sagt, ach, das war jetzt wunderbar, dass sie das so toll gemacht haben, dieses Erlebnis ist eigentlich für Sozialarbeitende häufig nicht so im Vordergrund, wenn sie es gut machen und den Betroffenen das Gefühl vermitteln, du hast ganz viel selber dazu beigetragen, dich in deiner Situation weiterzuentwickeln und zu verbessern. Also wenn ich das jetzt richtig rausgehört habe, dann habe ich jetzt hier fünf Punkte mitgeschrieben, an den man festmachen könnte, nicht vielleicht ab wann man professionell ist. Ich glaube, das ist auch etwas provokant gefragt, es gibt nicht den einen Zeitpunkt, das ist ein Entwicklungsprozess und man wird immer professioneller. Erstens, ähm professionell ist ungleich professionell, also man muss gucken, in welchem Feld bewege ich mich, welche Kompetenzen muss ich da mitbringen und das kann sein, dass ich in der Schul was heißt, es kann sein, es ist so, dass ich in der Schulsozialarbeit gänzlich andere Kompetenzen brauche, als ich in der Arbeit mit wohnungslosen Menschen beispielsweise benötige. Gleichzeitig ähm braucht es aber ein methodisch fundiertes Wissen, ein theoretisches Wissen darüber, in welchem Handlungsfeld bewege ich mich, welche Handlungsfelder gibt es noch und das ist praktisch dann auch wieder unabhängig dessen, wo ich mich schlussendlich bewege, so gleich natürlich noch mal spezifische Methoden für die einzelnen Handlungsfelder gibt. Den ähm dritten Punkt ist dann etwas, ähm vielleicht wäre das auch der bessere erste Punkt gewesen, dass es eine grundlegende Haltung braucht seitens der Sozialarbeitenden, eine Menschenfreundliche Haltung, wenn man es vielleicht mal so möchte, auch eine positiv gestimmte Haltung gegenüber äh gewissen Lebenssituationen und auch eine nicht schnell vorverurteilende Haltung. Der vierte Punkt, was man jetzt hier schon rausgehört hat, ist das Austarieren zwischen Nähe und Distanz, zwischen Emotionalität und Rationalität, ähm was ein ganz, na ja, es ist ein Balanceakt, den ich, denke ich mal, in jeder sozialen Beziehung, die ich im professionellen Sinne eingehe, neu austarieren muss und wo es auch kein richtig oder falsch gibt und ich eher immer auch gerne dann dafür plädiere, lasst Fehler zu, das wichtige ist, dass man sie reflektiert und dahingehen sich auch neujustiert, was die Nähe und Distanz angeht. Und dann der fünfte Punkt, was sie zuletzt angesprochen haben, die Koproduktion, also dass ich mich nicht als den ähm praktischen Retter ansehe, der jetzt alles an sich reißt und ich mache das jetzt für dich, ähm sondern eher auch darauf wartet, dass die Adressatinnen ähm mit an ihrer Sache haben, mitwirken und praktisch auch erst den Handlungsauftrag generieren bzw. produzieren. Ja, ich denke, das ist eine schöne Zusammenfassung. Sie haben noch einen Gesichtspunkt hereingebracht, der, glaube ich, sehr weiterführend ist. Ja, ich würde, darauf würde ich jetzt auch gern. Ja, der professionellen Haltung ist, ich agiere so, dass der andere das Gefühl hat, er kommt zurande. Bin ein Kumpel. Ich bin immer einer, der von außen im Feld agiert und das geht ja bis da, wo man zusammen wohnt.

[12:52]Mein Heimerziehung belügt sich, wenn sie schlägt, dass die Erzieher eben alle auch ein Zuhause außerhalb ihrer Gruppe haben und das für sie deshalb die Gruppe, in der sie arbeiten, etwas anderes ist, als für die, für die das ein Lebensort auf Zeit ist. In den schlafen, essen und alles tun. Der Sozialarbeiter geht dann auch heim und hat seine Freundin oder seinen Freund und hat ein anderes eigenes Leben. Dieses aber ist das muss deutlich sein, das muss auch im Alltag deutlich bleiben, dass ich als Profi agiere und das ist aber Voraussetzung dafür, dass ich etwas leisten kann, was, denke ich mir, für jede Alltagsorientierte Arbeit elementar wichtig ist, nämlich eine Reflexivität, die innerhalb der Alltagsmöglichkeiten unterscheiden kann. Es gibt ja unterschiedliche Möglichkeiten. Ich kann mich verbiestern, ich kann auf Dummheiten beharren, ich kann mich in Vorstellungen festsetzen oder mir Lösungen ausdenken, die unverträglich sind im sozialen Feld und soziale Arbeit bedeutet darin, im Alltag zu unterscheiden, was förderlich ist, was eine Perspektive zum gelingenderen, das heißt zum Menschenfreundlichen und gerechten eröffnet oder was eher sozusagen Menschen in ihren Schwierigkeiten nur festsetzt. Und diese Kunst der Unterscheidung und dieses Unterscheidung einzubringen in die Kommunikation, ist die, die Distanz braucht, ohne Distanz kann ich das nicht. Soziale Arbeit agiert im Alltag, indem sie sich auf ihn einlässt, sich von ihm versteht und zu ihm eine reflektierte Distanz hat, um den Alltag mit seinen eigenen Möglichkeiten zu konfrontieren, auch mit den dahinterliegenden Konflikten, die wahrgenommen werden müssen, damit das gelingendere im Alltag freigesetzt werden kann. den alten Satz von Pestalozzi, wir hätten in der Sozialpädagogik nichts, außer der Arbeit an unserem verschüttetem Selbst. Und eben diese Arbeit braucht Partizipation, Vertrauen, Unterscheidung und Unterstützung in denen in Unterscheidung notwendigen Konflikten. Mhm. Ich bin jetzt fast schon dazu geneigt, zu unserem nächsten Thema überzuleiten, ähm aber vielleicht möchten Sie auch noch mal was sagen, bevor ich jetzt weiter. Ich will jetzt nur noch sozusagen die beiden äh Stichworte äh Reflexivität und strukturierte Offenheit noch mal sozusagen einfach äh äh anknüpfen daran, das passt ja einfach ganz genau da rein und also die Nähe und Distanz auszubalancieren, braucht einfach Reflexivität und sie braucht genauso diese strukturierte Offenheit, das heißt, also das passt zusammen. Und dran hängen, dass das hat sozusagen die Stabilisierung einer solchen Arbeit immer nur möglich ist in einer Kommunikation auch der Kollegen untereinander. Ja, ja. Und ich denke, es ist ein großes Plus der sozialen Arbeit, dass sie sich dessen bewusst ist, dass es Beratung in der Tätigkeit braucht und dass man nicht als Einzelkämpfer irgendwo sich verschleißen darf. Mhm. Das aber wiederum damit ein hergehen muss, dass auch die Adressaten die Möglichkeit des Einspruchs brauchen, der Kontrolle und des Widerstands.

[16:17]Also ich finde die Arbeit jetzt zu an der Ombudsstellen, also die Einrichtung der eigenen Beschwerdemöglichkeiten elementar wichtig, damit dann sozusagen die kollegiale Beratung nicht wieder so eine Art Küngelgeschäft wird, indem man sich gegenseitig nur bestätigt. Es muss immer konfrontiert sein auch mit dem, wie das, was ich will und was ich real tue, wahrgenommen wird von dem mit denen ich meinerseits arbeite. Also die Reflexivität in der sozialen Arbeit ist, denke ich mir, gebunden an eine Kommunikation, eine prüfende oder eine sich vergewissernde Kommunikation, ebenso mit den Adressaten, wie im wie unter den Kollegen. Ja. Mhm. Vielleicht ganz kurz noch zu dem Thema strukturierte Offenheit, wir haben es ja auch schon in der ersten Lektion kurz angesprochen, was dahinter steckt. Und da da fällt mir etwas ein, was sie auch in einer ihrer Texte geschrieben hat, was ich gerne noch mal hervorheben würde, auch unter gerade unter dem Aspekt der Professionalität. Und zwar der Regelbruch, gerade mit dem Blick auf die Strukturierte Offenheit. In dem Moment, wo ich Profi bin, schreibe ich mir selber Kompetenzen zu über eine Situation ähm vernünftig und kompetent entscheiden zu können. Und zu dieser Entscheidung kann es ja auch sein im Sinne der Lebenswertorientierung im Sinne der strukturierten Offenheit, dass ich die gewohnten Bahnen verlasse und neue Wege aufmache und das kann ja auch mit einem Regelbruch in Verbindung gebracht werden. Wie stehen Sie ähm gerade jetzt auch mit dem Blick auf die Profession auf professionelles Handeln zum Regelbruch, welche Rolle spielt der im professionellen Handeln? Also, da fällt mir zunächst ein Spruch von Juristen ein, den ich in meiner Jugend gelernt habe, ein guter Jurist sei einer, der wissen, wie man mit dem Gesetz umgehen können und wo die Löcher und Widersprüche im Gesetz sein.

[18:10]Das sieht man ja manchmal auch in etwas fatalen Anwaltspraxen, äh was sie da alles sozusagen auf die Beine stellen. Gut, aber das, was dahinter steckt ist, das denke ich mir, reflektiertes Handeln bedeutet, dass ich ein Verhältnis zum methodischen und institutionellen Handeln habe. Ich befolge es nicht einfach, dann ich habe ein Verhältnis dazu. Das heißt, ich kann es nutzen.

[18:38]Ich kann es anwenden, ich kann es in den Hintergrund setzen und ich kann da, wo es notwendig ist, es auch gezielterweise auch über das hinausgehen muss, was gegeben ist.

[19:17]Ich denke schon, dass das Hauptgerüst, das verantwortbare methodisch institutionalisiert ist. Das ist nicht irgendwie ein Gewurschtel im sozialen Feld, sondern das ist ausweisbar, begründet und es ist auch einklagbar. Sonst würde das alles mit Beschwerdestellen gar nicht funktionieren, wenn es dann nicht eine Basis gäbe, die man einklagen kann. Aber es braucht eine Offenheit, also vorsichtiger gesagt, für das Unkonventionelle, das heißt für Löcher, für Kombinationen, für Überschreitungen und wahrscheinlich auch eine Offenheit für Dinge, die zunächst so gar nicht vorgesehen sind. Ich nehme mal als Beispiel die spannende Entwicklung der Suchtarbeit. Es hat ganz lange gedauert, bis man begriffen hat, dass es Menschen gibt, die älter werden, so sehr in ihrer Sucht hängen, dass es keinen Sinn hat, auf Abstinenz zu hoffen. Das heißt, die Regel der Abstinenz gebrochen werden muss und dass man inzwischen Formen einer unterstützenden Sozialen Arbeit entwickelt hat, die Menschen helfen in ihrer Sucht, mit ihrer Sucht ein soweit wie möglich Menschenwürdiges Leben zu führen. Das heißt, dass man die eigentlich geltende Regel der Abstinenz, die an sich galt, zunehmend gebrochen hat. Erst denke ich mir individuell und dann von da aus gemerkt hat, dass man andere Formen braucht und ich denke, insofern ist der Regelbruch immer auch ein Weg für Veränderungen.

[20:53]Oder das, wenn man so ganz abweichen mit Möten ja sagt, das abweichende Verhalten hat eine Innovations und eine Problematikfunktion, aber es hat immer auch eine innovative Funktion. In den Menschen sind die Regeln, die Regeln leben. Und ich denke, wenn ich so spinnen darf, Freitag auf Future hat natürlich zunächst angefangen, indem Schulregeln gebrochen worden sind. Und in der Schule begriffen hat, das genau dies eine Erfüllung ihres politischen Auftrags sein kann, nämlich das, was sie als politische Bildung auf für uns Ziel haben. Was sich aber mit dem normalen Regelwerk zunächst nicht zu vertragen erschien. Ich erinnere mich dann an die erste Ja, ich weiß, ja. Und in der Gesellschaft kuriosen Unterhaltung, aber ich nehme noch ein anderes Beispiel aus der engeren Sozialpädagogik. Ich kenne Einrichtungen, die mit ganz schwierigen Kindern ein Arrangement finden, dass ein Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin mit einem Jugendlichen sozusagen auf Krebe geht, nämlich zwei Monate irgendwie versucht, sich durchzuschlagen. Und dass die beiden jenseits der Institution, einer Wohngruppe oder eines festen Beratungsverhältnisses, weil das alles nicht funktioniert, versuchen sozusagen in der Situation, dass man was zu essen finden muss, eine Unterkunft finden muss, einen Weg miteinander bestimmen muss und sich vor allen Dingen aushalten muss, wenn man da zusammen unterwegs ist, einen eigenen Weg finden. Und ich halte für möglich, dass diese Form der Individualbetreuung, die übrigens an Manonis gesprengte Institution erinnert, das gab es in der frühen frühen 60er Jahren mal, dass diese Form dann auch noch mehr und sozusagen weitere äh Hilfsform agiert oder innerhalb der Heimerziehung, wo man ja zunehmend über Pflegeverhältnisse und unterschiedliche Form der Pflege deshalb argumentiert, weil man merkt, dass man die Regeln des institutionell geregelten Gruppenlebens in einer willkürlich zusammengesetzten Gruppe sprengen muss, weil es den dort wohnenden nicht zu der Hilfe hilft, die es hilft. Also der Regelbruch, denke ich mir, ist etwas, was gute Sozialarbeiter in Maßen immer ein bisschen machen und was aber in manchen Feldern auch ein Weg zur Weiterentwicklung und zur ja, zur Weiterentwicklung und zum finden von neuen Formen ist. Deshalb bin ich auf dem Ausgangssatz beharen, der reflektierte Sozialarbeiter ist einer, der sich zu seinen eigenen Regeln verhält. Und der sich nicht der Sklave ist. Ich würde das gerne noch äh mit Corona Maßnahmen äh illustrieren, weil sowohl in Altenheimen wie auch im Kindergarten äh ja zum Teil sehr rigide äh äh Regeln galten und äh die äh das Team dann miteinander besprechen musste, was finden wir daran machbar und was finden wir einfach überhaupt nicht mehr machbar und die dann gesagt haben, dann brechen wir diese Regel und erlauben den Kindern äh in der und der Gruppierung jetzt zusammen auf den Hof zu gehen, obwohl es eigentlich nicht äh im Sinne der der vor Vorschriften war oder im im Altenheim, dass dann die die äh Besucherinnen nicht nur eine halbe Stunde, sondern anderthalb Stunden da bleiben durften, äh weil die einfach fanden, dass ist doch ähm menschlich anders nicht zu vertreten. Und das denke ich also gerade bei Corona äh hatte es ja viele gegeben, die wirklich sich ganz und gar Stur an die Regeln gehalten haben und viele andere, die die Regeln ein bisschen ausgelegt haben und manches riskiert haben dabei, aber eben für die Betroffenen dann auch vieles erreicht haben dadurch und deshalb denke ich das war ganz, glaube ich, ganz wichtig. Ich würde aber, wenn ich darf, gerne gerade bei einer solchen Frage noch mal zurück erinnern, viele Skandale innerhalb der Heimerziehung und innerhalb der sozialen Arbeit überhaupt zeigen vor allem auch, dass Regeln nicht eingehalten werden. Also das ist sozusagen, ja, ja.

[25:09]Die Regeln sind ja nicht nur das, was gebrochen werden muss, sondern sie müssen eingehalten werden und wenn ich schwierige Fälle sehe, war das sehr häufig auch die, wo man sich sozusagen als Profi an den Kopf fasst und sagt, wie konnte denn das möglich sein? Hier waren Kontrollen vorgesehen oder Gutachten vorgesehen, die nicht eingehalten wurden sind. Hier war äh gab es eine Regel, die etwas hat gebrochen worden ist und unterlaufen worden ist. Da gibt es Schlampereien und Lässigkeiten und gerade, wenn ich zurück gucke, da wo es in der letzten Zeit skandalisiert worden ist, war das häufig, dass sozusagen eigentlich elementar geltende Regeln nicht eingehalten werden kann. Man kann ja sagen, man muss eigentlich immer, dass es nicht nur ein Familiäres Instettablo gibt, sondern auch ein professionelles Instettablo in Bezug auf sexualisierte Gewalt. Und das ist in einer Atemberaubend entsetzlichen Weise einfach unterlagen worden, obwohl es sie Regeln gab. Ja, das hätte ich, ich das lege mir daran, dass man das beides Die Regeln sind ein mittleres Gerüst. Ich hätte jetzt auch noch mal die Differenzierung gemacht, dass es Regeln und auch Gesetze gibt, die nicht gebrochen werden dürfen. Darin sind wir uns vollkommen einig und dass der Regelbruch immer eine sehr stark individuelle, situative Entscheidung ist und nicht und weniger auf der institutionellen Ebene, denke ich, getroffen werden sollte. Das würde ich nicht als entweder oder sein.

[26:40]Ich meine, ich meine, ich nehme ich kann meine Diskussion und die neuen freieren emanzipierten Lebensmöglichkeiten von Frauen. Wäre nicht gekommen, wenn es sozusagen eine breite Fahrlands von gesellschaftlichen Regelbrüchen gegeben hätte, die auf das Problem aufmerksam gemacht haben, die auch zum Teil mit hohem Risiko verbunden waren, nicht. Ich erinnere mich an den Anfang, als man gesagt hat, auch ich habe abgetreten und habe eigentlich etwas getan, was in dieser Gesellschaft strengstens verboten ist. Also, das heißt, der individuelle Regelbruch ist das eine, aber es gibt auch den gesellschaftlichen, den gemeinschaftlichen Regelbruch als Weg zur Innovation. Ja. Und genau darauf wollte ich nämlich auch noch zu sprechen kommen, nämlich am Beispiel der offenen Jugendarbeit, die ich nun während der Corona Zeit auch ähm wissenschaftlicher mit begleitet habe und ähm da sind da ist es zu einigen Regelbrüchen gekommen und zwar im Sinne der Strukturprinzipien der offenen Jugendarbeit, die ja durch Corona durch die Schließung total verloren gegangen sind und auf einmal stand sowas wie Einzelarbeit, Einzelbetreuung in der offenen Jugendarbeit mit auf dem Plan. Elternarbeit hat auf einmal irgendwie mit stattgefunden. Ich erinnere mich an Jugendtreff, die gesagt haben, die ihre Räume an Familien vermietet haben, um zu sagen, dann kommt ihr mal raus aus eurem Alltagstrott.

[28:07]Wir haben hier eine Playstation, wir haben verschiedene Unterhaltungs- und Spielmöglichkeiten, was ja alles äh institutionelle Regelbrüche waren, keine Gesetzesbrüche, das ist ganz wichtig zu zu sagen, ähm wo wodurch sich die Jugendarbeit definitiv in den letzten zwei Jahren massiv verändert hat und auch weiterentwickelt hat. Ich denke auch an die ganze, möchte ich jetzt hier nicht weiter aufmachen, an die ganze Debatte der digitalen offenen Jugendarbeit. Darf ein Jugendtreff da überhaupt stattfinden, was ist mit dem Datenschutz und da gibt es auch ganz unterschiedliche Handhabungen seitens der Institution, aber hier sieht man durchaus anhand der offenen Jugendarbeit, dass der Regelbruch zur Innovation führen kann. Ja. Ja, und äh genau. Äh, wunderbar. Jetzt ist das Ganze doch etwas länger geworden, aber ich fand das Thema noch mal wichtig aufzugreifen, ähm weil mich das ähm doch sehr interessiert hat, als ich das gelesen habe, dass sie in gewisser Weise, sie haben es ja jetzt präzisiert, wie sie es meinen, durchaus auch ab und an zum Regelbruch ähm aufrufen bzw. sagen, dass er sinnvoll sein könnte. Um es mal so vorsichtig

[29:32]Vielen Dank. Wenn Sie jetzt auch hierzu nichts mehr anzumerken haben, würde ich auch hier die Lektion schließen, ähm es sei denn ähm sie möchten jetzt noch etwas dazu sagen.

[30:42]Wunderbar. Dann danke ich fürs Zuhören, ich danke für das schöne Gespräch und ich würde sagen, wir sehen uns in einem der nächsten Videos wieder.

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