Thumbnail for Liebe im Knast | Unter Mördern – Leben im Gefängnis (2/8) | True Crime-Podcast by rbb

Liebe im Knast | Unter Mördern – Leben im Gefängnis (2/8) | True Crime-Podcast

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[0:03]In diesem Podcast gehen wir mit euch in die Blackbox Gefängnis und wollen herausfinden, kann man im Knast ein besserer Mensch werden?
[0:03]Meine Kollegin Katja Füchsel hat vier Insassen der JVA Tegel anderthalb Jahre begleitet.
[0:39]Und jetzt müssen sich vorstellen, das war unsere Wohnung hier, gerade zu hier im ersten, erste Etage, wo die Markise ist.
[1:03]Das ist Thomas Rung auf seiner ersten Ausführung aus der JVA Tegel und die führt ihn zurück an seine Wurzeln.
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[0:03]Hi, ich bin Theresa Sikkert und ihr hört unter Mördern, Leben im Gefängnis. Eine Koproduktion von RBB und Tagesspiegel. In diesem Podcast gehen wir mit euch in die Blackbox Gefängnis und wollen herausfinden, kann man im Knast ein besserer Mensch werden? Meine Kollegin Katja Füchsel hat vier Insassen der JVA Tegel anderthalb Jahre begleitet. Das ist Folge 2 von 8 Lebenslange Freunde. Falls ihr die erste Folge nicht gehört habt, steigt erstmal da ein. Los geht's.

[0:39]Und jetzt müssen Sie sich den Thomas vorstellen, als kleiner Pipel. Und jetzt müssen sich vorstellen, das war unsere Wohnung hier, gerade zu hier im ersten, erste Etage, wo die Markise ist. Aber wir fangen mal hier an. Hier ist der Durchgang, ne?

[1:03]Das ist Thomas Rung auf seiner ersten Ausführung aus der JVA Tegel und die führt ihn zurück an seine Wurzeln. Thomas Rung, 63 Jahre alt, ist Serienmörder und sitzt seit fast 30 Jahren im Gefängnis. Mit Katja steht er im September 2023 vor dem Haus seiner Kindheit im Märkischen Viertel in Berlin. Ein Plattenbau aus mächtigen grauen Quadern und Säulen, neun oder zehn Stockwerke hoch. Und damit eines der kleineren Häuser. In Rungs Kindheitstagen ist das Plattenbauviertel noch im Bau. Es gibt keinen Baum, keinen Park, keinen Spielplatz, anders als heute. Damals war hier noch eine reine Betonwüste.

[1:42]Das ist hier ein Treppenhaus und auf der gegenüberliegenden Seite gibt es noch mal so ein Notstropenhaus. Hier stand eine Klopfstange, das war offen gewesen hier, das ist auch zu. Hier ist mein Vater gelegt, war oben neunten Stock mit 13 Jahren und habe den Zementsack raushieft. Aber der ist leider hier runtergefallen neben ihm. Der sah aus wie ein Schneemann. Ich habe mich rüber gemacht auf die andere Seite und bin mit der andere Seite runterladen, eine Buttelkiste da auf die hier kommt rüber zu gehen. Und dann hat er natürlich hier stürzt, ne? Und hat sich erschrocken, aber den Sack, den hätte treffen müssen. Dann wäre mein Tyrann weg gewesen. Mit 13, ich bin ja nicht mehr Strafmündig gewesen. Haben sie Absicht gemacht? Ja, na klar, ich wollte den noch auf dem Kopf hauen. Einer der Bediensteten der JVA Tegel fragt auch noch mal nach, haben sie das mit Absicht gemacht? Thomas Rung ist zu diesem Zeitpunkt nämlich gerade einmal 13 Jahre alt. Mit 13 hat er versucht, seinen Vater umzubringen, bewusst, geplant. Vollkommen absichtlich. Ist da vor irgendwas vorgefallen, dass sie diesen Plan gefasst haben? Nee, ich hatte scheiße Angst, ne. Ja, der hatte ein Besen Viel genommen, hat einen Wasserschlauch drüber und hat uns verprügelt, der hat einen Hundestachelhalsband genommen und hat uns eingeschlagen.

[3:06]Das war Wahnsinn. Na nur gesoffen, nur gesoffen. Der ist nüchtern zur Arbeit gekommen und kam besoffen zurück tagtäglich. Und dann muss ich mal warten, bis der um 10 Uhr, 11 Uhr nach Hause kam, besoffen, muss mir meine Tragprügel abholen und dann konnte ich schlafen gehen. Aber wenn sie den jetzt getroffen hätten, ähm Dann hätte ich ihn gehauen. Aber glauben Sie, dass ein Kind das ertragen könnte, mit so einer Tat zu leben? Ich hätte das ertragen, ja. Das wäre ein Befreiungsschlag für mich gewesen. Hier ist jemand, der hat schon als Kind offenbar Mordabsichten. Mit 13. Und ich will nicht sagen, dass das eine Kausalität sein muss, aber vielleicht ist es eine Erklärung. Thomas Rung hatte eine ziemlich beschissene Kindheit. Dazu erzählen wir euch gleich noch mehr. In unserer ersten Folge ging es darum, wie Thomas Rung sich in seinen nun fast 30 Jahren hinter Gittern gewandelt hat. Vom Untier, so hat er sich selbst beschrieben, zum Menschen.

[4:07]Katja, was bedeutet das für Rung, der menschliche Weg? Rung selbst bezeichnet sich ja als absolutes Arschloch, also als jemand, der sich immer nur für sich selber interessiert hat, der alles, was er brauchte, sich einfach genommen hat, ohne Rücksicht auf Verluste und der menschliche Weg, das bedeutet für ihn, erst den Hass los geworden. Also den Hass auf alles, auf die Polizei, die Justiz, die Gesellschaft und jetzt, wo der Hass weg ist, da ist eben Raum für andere Dinge, für seine Mitmenschen, für seine Familie und sogar für seine Freunde. Aber wie wir gerade gehört haben, auf seinen Vater, den Peiniger seiner Kindheit bezieht sich dieser menschliche Wandel nicht. Und ist so jemand in der Lage Beziehungen zu führen und geht das überhaupt, also Beziehungen im Knast, wenn dort lauter kaltblütige Mörder und Gewaltverbrecher hocken? Thomas Rung will aus irgendeinem Grund bis an sein Lebensende im Knast bleiben. Wird er es schaffen im Knast echte Beziehung aufzubauen?

[5:10]Fußball war nicht mein Sport, ne? Da haben sie denn vorgestanden, das war der Tor gewesen und dann haben sie sich den Ball gegenseitig zugespielt und der musste aus die Luft in der Tor, aber die haben da so reingeballert, da ich mir dachte, nee, da machst du nicht mit. Mein Bruder war ein Fußballfanatiker, ne? Und hatten sie Freunde? Nee. Nee. Auch als Kind nicht? Nee, ich war ein Einzelgänger, ne?

[5:50]Dann hat es hier mal Vorfall gegeben mit dem Fahrrad, ne, das war meine erste Bestrafung gewesen. Da hat mir der Chef 20 Mark gegeben, ich sollte Eis holen. Chef, von wem spricht er da? Rung hat als Schüler um die Ecke auf einem Schrottplatz gearbeitet und es war immer so seine Flucht von zu Hause, weil der Chef des Schrottplatzes, der hat es echt immer gut gemeint mit ihm. Und dann kam mir da eine Kinderherde entgegen mit Fahrrädern, jedenfalls habe ich die verfolgt. Und die sind weg und ich habe den einen Jungen habe ich in voller Fahrt habe ich den ins Rad getreten und der hat sich natürlich auch verletzt gehabt entsprechend.

[6:36]Da auf finde ich hatte so ein Bolanzarad gehabt, das hat er mir gleich in der Mitte zersägt. Wer? Mein Vater. Und dafür gab es auch einen Gerichtstermin und ich glaube, eine Geldstrafe von 150 Mark. Die hat er nicht bezahlt, dafür wäre ich fast ins Gefängnis gegangen. Wie alt waren Sie da? Dann musste ich gerade 14 gewesen sein. Also wirklich irre jung und trotzdem hochaggressiv. Ja, schon als Jugendlicher raubt er, prügelt, beginnt zu trinken, ganz früh. Also er entwickelt sich total unberechenbar, überfällt Kioske, Taxifahrer und gerade alte Menschen sind für ihn natürlich besonders leichte Beute. Ich habe alles, ich habe Diebstähle gemacht, ich habe Raubzüge gemacht. Ich habe ja Gewalttätung und und und, ne? Also ich bin ja wirklich quer durch das Buch und habe mir irgendwie gesagt, jetzt könnt ihr alle mal am Arsch hängen, ich mache zu und wann ich will.

[7:44]Wir springen zurück ins Jahr 1977. Thomas Rung ist jetzt 16 Jahre alt. Er wird zu seiner ersten Jugendhaft verurteilt wegen gemeinschaftlichen Raubes und gemeinschaftlichen schweren Raubes. Seit diesem Tag wird er nie länger als zwei Jahre lang in Freiheit verbringen. Die Lehre aus dem Hause Rung zieht sich für Thomas im Jugendknast fort. Konflikte löst man durch Gewalt.

[8:10]Und ruhig denn nachher nach Plötzensee kam, dann war ja denn der sogenannte Wohngruppenvollzug. Und da hat er natürlich nie besiegt Hierarchie.

[8:26]Ne, und da gab es denn so ein paar Chefs, denn haben sie mich natürlich auch als Ventil benutzt. Haben mir meine Straftat vor und und und, ne? Also ich habe gelernt, was Unterdrückung ist, ich wurde verprügelt, ne? Das erste Mal extrem gewesen, das zweite Mal ging es nicht mehr ganz so und das dritte Mal ging es dann gar nicht mehr, dann hat Thomas sich zur Weh gesetzt, ne? Er schlägt zurück. Wie immer. Im Knast gilt nur mal das Recht des Stärkeren und wenn du was willst, dann musst du es dir eben nehmen und das verinnerlicht Thomas Rung immer weiter. In einem psychiatrischen Gutachten für das Jugendstrafengericht aus dem Jahr 1981 heißt es, Thomas Rung hat positive menschliche Bezüge kaum kennengelernt. Eine Beziehung zum menschlichen und sozialen Werten konnte sich nur ungenügend entwickeln. Sein Leben verlief schon als Schuljunge außerhalb oder am Rande der sozialen Einordnung. Mit seinen 20 Jahren ist er ein erheblich umweltgeschädigter junger Mann, dessen Entwicklungsstand unausgegoren und retardiert ist.

[9:47]Das muss man erstmal kurz verdauen. Man könnte auch einfach sagen, ein richtig verpfuschtes Leben. Mit 22, er ist gerade mal wieder draußen, wird Rung dann das erste Mal zum Mörder. Es folgen vier weitere Morde an Frauen. 1990, erst 29 Jahre alt, kommt er mit Christine zusammen. Das ist die Tochter seines Stiefbruders Eckhart. Sie hatte keine Ahnung davon, von seinem zweiten Leben, von seiner dunklen Seite. Sie hat keine Ahnung davon, dass er mittlerweile schon fünf Menschen umgebracht hat. Es ist seine erste richtige Liebesbeziehung und 1991 kommt dann Sohn Christopher auf die Welt. Thomas Rung bleibt dann fast zwei Jahre lang straffrei. Das ist lange für Thomas Rung. Ja, das ist seine längste Phase in seinem Leben, zwei Jahre ohne Straftat und an diese Zeit, an die Zeit mit seinem kleinen Sohn, an die erinnert er sich bis heute unwahrscheinlich gerne. Er war halt vier Jahre alt, ne? Und diese diese, weil er war wirklich, also, das war schon ein richtig inniges Verhältnis. Wir brauchten eigentlich gar nicht viel reden, ne? Wir haben viel mit der Augen und so und ich wusste ja genau, wenn irgendwas ihm gefallen hat, wenn er Angst hatte oder so, habe immer voll gequatscht, ja. Nur mit Christine, da kriselt es in der Beziehung eigentlich seit der Geburt von Christopher. Also der Hauptstreitpunkt zwischen den beiden ist eine andauernde Trinkerei. Und so wird er wieder rückfällig. Im Februar 1995 tötet Rung im Streit seinen Stiefbruder, den Vater von Christine. Und wenige Tage später auch eine Freundin von ihr. Er wird noch am selben Tag festgenommen. Er gesteht die sieben Morde und wird im Januar 1996 verurteilt. Christine wird nie wieder ein Wort mit ihm sprechen. Auch sein Sohn sieht er nicht wieder. Und trotzdem sagt so jemand heute, ich will empathisch sein, emotional, Beziehung aufbauen. Aber geht das? Kann so jemand Beziehung aufbauen?

[15:05]Nee, weil ich habe hier ein Leben drin entwickelt, ne? Also ich habe hier wirklich ein sehr strukturiertes Leben. Und Katja, glaubst du, das hängt zusammen, also dass Rung sich auf der einen Seite für seine Umwelt öffnet, das dann aber auch auf der anderen Seite ganz andere Dinge noch klappen, wie z.B. eine Ausbildung? Das gehört alles, glaube ich, zusammen. Wenn man sich anguckt, welchen Weg Rung im Gefängnis macht, dann muss man eigentlich sagen, das Gefängnis, das resozialisiert ihn nicht, es sozialisiert ihn überhaupt erst. Was genau meinst du damit? Schau dir diese Entwicklung an, die Schule, die Lehre, den Gesprächskreis, den Sportverein. Also Rung erwirbt im Knast überhaupt erst die Fähigkeiten, die man braucht, um sich eigentlich in der Gesellschaft recht zu finden, das kannte er früher nicht, nicht von zu Hause, nicht aus der Schule, von nirgendwo her. Aber hier im Knast, da kennt er sich aus, da kennt er die Gesetze, er hat einen Job, er hat eine Unterkunft, er hat Verpflegung, er hat ein Standing bei den Mitgefangenen. Für ihn ist das ein geschützter Raum und das ist auch der Grund, warum Thomas Rung den Knast nicht mehr verlassen möchte. Mein zu Hause ist hier.

[16:15]Und aber ich nehme auch gerne mal ab und zu ein Stück am Leben teil, ne? Sein zu Hause ist der Knast und deshalb will er hier nicht raus, trotz allen Nachteilen. Natürlich. Der Trennungsschmerz, den haben wir ja alle, ne, wenn sie denn alle von ihre Kinder und Frauen erzählen, sage ich, jo, das ist die Strafe. Genau das ist es. Und dann 2015 passiert etwas, etwas total Unerwartetes. Nach fast 20 Jahren, in denen es keinen Kontakt gab, meldet sich plötzlich Thomas Rungs Sohn bei ihm. Am Telefon. Also wir durften ja mal angerufen werden in Zelle, wir hatten zehn Telefonate im Monat. Und da hatte er sich ja gemeldet gehabt. Und wirklich wortwörtlich hat er mir verhasst, du bock mit mir in Kontakt zu treten.

[17:14]Ha gesagt, na klar. Für Rung ist sein Sohn Christopher die Liebe seines Lebens. Damals hängt ein Foto von ihm in seiner Zelle. Es zeigt Rung mit seinem Sohn auf dem Arm. Als Rung im Januar 1996 im Knast landet, da ist sein Sohn gerade mal vier Jahre alt. Dass sein Sohn jetzt nach so vielen Jahren sich nun bei ihm meldet, das bedeutet ihm richtig viel. Es ist die Chance auf eine echte Beziehung. Ich sollte ihm dann einen Besuchsschein schicken, aber er hatte da noch ja, irgendwie, ich glaube, er hat ein Jahr gebraucht, bis er da mal einen Termin hatte. Und dann hatte ich ihm auch den Besuchsschein geschickt gehabt. Und er hat an dem Tag noch in der Küche Fleisch gebraten und wollte das, weil der Pastor hatte sich bereit erklärt, in der Fahrersprechstunde mit mir zu machen. Also ich wollte da so ein bisschen Mittagessen machen. Auf jeden Fall bin ich da am Brutzeln und mit einmal kommt ein Bediensteter an und sagt zu mir, der Besuch fällt aus, ne? So. Und das hatte ja schon Ewigkeit gedauert, dass er überhaupt dazu kam. Und da bin ich schon vom Glauben abgefallen, ne? Also da war ich schon ein bisschen angeschlagen gewesen und auch sauer. Warum lässt denn der Sohn ihn da so stehen? Ja, dafür bekommt er überhaupt keine Begründung. Wie geht es jetzt weiter, Katja? Bleiben die beiden irgendwie noch in Kontakt? Sporadisch, also der Sohn schickt ihm dann auch irgendwann ein Foto von sich und Rung denkt, der Junge ist mir ja wie aus dem Gesicht geschnitten und dann telefonieren sie wieder und dann sagt der Sohn er kommt, ach nee, dann kommt er doch nicht und dann hat er wieder keine Zeit. Und Monate nach diesem ersten Anlauf kommt sein Sohn dann doch vorbei, aber Rung will sich jetzt nicht noch mal so doll freuen und dann enttäuscht werden. Also macht er zwar wieder diesen dieses Date mit dem beim Pastor aus, aber diesmal macht er dann nur Kaffee und Kekse und stellt die bereit. Bin auf ihm drauf zugegangen und haben begrüßt, haben habe ihm gedrückt. Zack, ja. Umarmen. Umarme, ne? Ja. Und richtig gedrückt? Ja. Und sich gewundert, dass er so klein ist. Und sehr zurückhaltend, ne? Also er hat sich jetzt nicht groß erwidert. Und das hat er ja im Nachhinein auch erzählt gehabt, ne, dass er sich ja, hattet ihr nicht und hat er die anderen, meine Schwester gefragt, hattet ihr nicht ein komisches Gefühl oder also er hat ein komisches Gefühl gehabt, das hatte ich überhaupt nicht, ne? Weil es war ja sein Wunsch gewesen, sein Vater zu besuchen. Echt? Aber war schon ja. Und der hat auch gar nicht so viel erzählt. Und ansonsten war ich da am Plappern und mit einmal ja, hatte unter Zeitdruck gestanden und musste mit einmal weg. Ich war an dem Tag mit einem Skat Turnier beschäftigt gewesen noch. Und ja. Wie lange hätte er bleiben dürfen? Zwei Stunden locker. Und wann kam der Zeitdruck dann mal eben? Ich glaube, nach einer Stunde oder wenn überhaupt, ne? Dann musste er auf einmal urplötzlich los. Hat er sie überhaupt irgendwas gefragt? Nee. Deswegen, es war ein ganz komischer Besuch.

[20:44]Und wie ging es Ihnen danach? Beschissen.

[21:05]Die Begegnung mit seinem Sohn ist für Thomas Rung ein herber Rückschlag auf dem Weg hin zu Beziehungen. Zeit seines Lebens hatte er sich Kontakt mit seinem Sohn gewünscht. Es hat nicht so richtig geklappt. Aber er gibt nicht auf. Er sucht weiter nach Verbindung auch zu Frauen. 2020 bekommt er Post in der JVA Zelle von Franziska. Lieber Thomas Rung, ich weiß nicht, wie viele Briefe sie bekommen. Aber ich hoffe, dass sie meine Zeilen erreichen. Mein Name ist Franziska, ich bin 28 Jahre alt und habe hunderte habe hunderte Entwürfe an sie geschrieben. Es ist gar nicht so leicht, die richtigen Worte für diesen ersten Brief zu finden. Wo ich doch mehr über sie weiß, wo ich doch mehr über sie weiß, als sie über mich. Ich hoffe nur, dass ich die richtigen Worte gefunden habe. Thomas Rung liest mir diesen Brief in seiner Zelle vor. Es ist ein schmaler, langer Raum, 8, 9 Quadratmeter groß. Rechts ist das Bett, links sitzen wir an einem kleinen Tisch. Er hat mir einen zweiten Stuhl organisiert, damit wir beide sitzen können. Unsere Knie stoßen fast aneinander, während wir beide versuchen, diese Schrift zu entziffern. Dabei ist sie eigentlich eine ganz ordentliche Schrift, runde Buchstaben. So eine typische Frauenschrift eigentlich von Franziska. Auf dem Tisch steht ein blauer Messbecher, so ein Liter Messbecher, aus dem Rung immer sein Wasser trinkt. Dann ist da noch eine Kaffeetasse, ein Glas mit Bleistiften und Buntstiften. Mit dem Rung auch immer seine Briefe schreibt. Also er schreibt immer mit der Hand. Und auch Franziska hat mit der Hand geschrieben. Ich frage mich, warum zur Hölle nimmt so eine junge Frau mit so einem Serienmörder, mit einem gefährlichen Typen wie Thomas Rung Kontakt auf? Genau das habe ich sie auch gefragt. Ich habe damals mal mit ihr telefoniert und sie hat mir von dieser Phase in ihrem Leben erzählt. Sie sagt, das war eine schwierige Phase, sie hat eine gewisse Leere gespürt. Und dann hat sie abends mal eine Dokumentation gesehen über amerikanische Serienmörder, die zum Tode verurteilt wurden. Und sie hatte das Gefühl, das ist so ein Teil unserer Gesellschaft, den wir einfach verstecken wollen. Wir stecken die Menschen ins Gefängnis und das Problem ist weg und niemand kümmert sich mehr um diese Menschen. Und dann ist sie auf die Idee gekommen, Menschen zuzuhören, die hier draußen jeder vergessen möchte und ist auf Thomas Rung beim Googlen gestoßen. Und ja, warum hat sie ihm geschrieben? Also vielleicht will sie ihm etwas geben, was er nie bekommen hat, nämlich Zuneigung, Liebe. Vielleicht will sie ihn retten, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat sie ihm geschrieben und dann hat sie ihn auch besucht und sie sagt beim allerersten Treffen schon, da habe sich eine unglaubliche Nähe zwischen den beiden eingestellt. In ihrem Brief schreibt sie weiter. Das hier ist unsere erste Begegnung und ich wünschte, sie wäre irgendwie persönlicher verlaufen. Aber irgendwo muss man ja anfangen, nicht wahr? Ich weiß gar nicht recht, wie ich sagen soll, aber die berühren mich. Ihr Leben, die Traurigkeit, die mitschwingt und alles hätte anders laufen müssen. Vielleicht halten Sie mich für verrückt.

[24:40]Doch ich schaue in ihre Augen und ich sehe einen sensiblen Menschen, der sich sein Leben lang nach bestätige, der sich der sich sein Leben lang nach Bestätigung Beständigkeit Beständigkeit und Liebe sehnte.

[25:04]Ist das so? Thomas Rung berühren diese Zeilen sehr. Er hat mir diesen Brief sogar öfter vorgelesen und es ist als wenn er sich auf einmal irgendwie ja, erkannt fühlt oder ich weiß es auch nicht. Auf einmal wird er eben nicht als das Untier gesehen, als dieser brutale Mensch, der sich immer alles nur nimmt, sondern es ist auf einmal jemand, der verstehen möchte, warum er so ist und der eben den Ursprung des Ganzen in seiner Kindheit sieht. Und das da fühlt er sich gesehen und erkannt und darum schreibt er ihr zurück. Und das Interessante finde ich ist ja, Franziska ist nicht die erste Frau, die ihm schreibt, sondern auch in der Vergangenheit gab es das immer mal wieder, dass Frauen Thomas Rung geschrieben haben und dass Frauen auch anderen Mördern oder Serienmördern Briefe schreiben. Man spricht sogar von sogenannten Mörder Groupies in Anführungszeichen. Wie ist das zu erklären? Total interessantes Phänomen finde ich, also selbst die übelsten Verbrecher, wie Thomas Rung, die die schlimmsten Morde begangen haben, die werden verurteilt und bekommen manchmal sogar Wäschekorbweise Fanpost von Frauen. Und einer der ganz bekannten Fälle ist ja Charles Manson, dieser durchgeknallte Sektenführer und Mehrfachmörder. Und auch in Tegel machen Männer im Knast immer neue Bekanntschaften. Also die geben dann manchmal Annoncen in Zeitungen auf, bekommen dann Zuschriften von Frauen oder eben wie bei Thomas Rung, die Frauen schreiben eben auch von sich. Und auch Rung hat nach seinem Urteil immer mal wieder Briefe von irgendwelchen Frauen bekommen, mit denen er dann teilweise Kontakt hatte und selbst nach diesen 30 Jahren kommt es, wie man sieht, immer noch vor und es bleibt nämlich auch nicht bei Franziska, sondern er bekommt noch weitere Post. Eine zweite Brieffreundin kommt dazu und die heißt Pamela. Und was verspricht sich Thomas Rung von Kontakten, wie mit Pamela oder eben auch mit Franziska? Was will er denn mit den Frauen? Für ihn ist es irgendwie so ein Draht nach draußen in diese normale Welt, in diese andere Welt, die eigentlich für ihn ja eine fremde Welt ist. Aber es ist so eine Auszeit, glaube ich, auch für ihn von diesem Haftalltag, so eine kleine Flucht aus dem Gefängnis. Wie wichtig sind diese Frauen in ihrem Leben? Sehr wichtig, weil jetzt sind eben die normalen Kontakte, weil hier drinnen, das ist der pure Wahnsinn. Alle sind ja nur mit ihren Mist und Dreck beschäftigt. Thomas Rung macht in all den Jahren keine Therapie, das lehnt er ab. Sich mit seinen Straftaten auseinanderzusetzen, das macht er nur mit sich selbst und mit seinen Weibern, wie er Pamela und Franziska nennt, die sein für ihn praktisch seine Therapie. Ich mag sein ab und zu, damit habe ich letztens so ein bisschen Kokettiert, ne, ich sag ihr könnt hier machen, was ihr wollt mit mir, ich sitze hier wie ein Vogel im Käfig und was denkst du selbst, wenn du hier draußen wärst, was wir mit dir machen, ne? Ich sag ja, aber von mir drinne ist ja nicht mal die Möglichkeit gegeben, dass ich bei euch mal ein Blumenschraus vor die Tür stelle oder oder oder, ne? Und dann, wie geht's mit Pamela weiter? Sie serviert ihn ab. Wir hatten äh einen Telefontermin.

[28:10]Ich hatte angerufen, die ist nicht rangegangen, denn hat sie mich weggedrückt gehabt. Und dann habe ich ihr die kalte Schulter gezeigt und seitdem ja, hat sie nicht mehr geschrieben, hat sie wieder geschrieben äh noch sonst irgendwas.

[37:34]Ich frage mich, Katja, hat Thomas Rung nach diesem missglückten Versuch, über den wir heute auch gesprochen haben, sein Sohn jemals wiedergesehen? Nein, nie wieder. Er soll sein Leben leben, er ist äh bei seiner Mutter besser auf die erhaben als bei mir, ne? Und ich kann da nichts schön reden oder sonst irgendwas und deswegen, also für mich ist es abgehakt, aber das ist mein Sohn und das bleibt mein Sohn und äh ich denke trotzdem jeden Tag an ihn, ne?

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