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Kann Geoengineering das Klima retten? | 42 - Die Antwort auf fast alles Reupload | ARTE

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[0:05]Okay, wir haben es inzwischen verstanden. Die Erde wird immer wärmer. Extreme wie Waldbrände, Starkregen, Dürren nehmen zu und wir sind dafür verantwortlich. Wir befinden uns schon im Klimanotstand. Millionen Menschen leiden bereits unter der Klimakrise. Und eigentlich wissen wir, was zu tun ist. Wir müssen die CO2 Emissionen schnell und drastisch senken. Derzeit sprechen unsere Taten einfach nicht dafür, dass wir die Emissionsreduktion so stark durchführen, wie es nötig wäre. Wenn uns das also nicht gelingt, gibt es einen Plan B? Könnten wir nicht ins Klimasystem eingreifen, unsere Emission zurückholen und die Erde selbst abkühlen? Vor 15, 20 Jahren ist das Science Fiction gewesen. Nur was, wenn aus Science Fiction Wirklichkeit wird? Wenn die Lage so ernst ist, dass Geo-Engineering nicht mehr der Plan B, sondern der einzige Ausweg ist? Wir müssen ausprobieren. Es wird viel schief gehen. Es wird hoffentlich viel viel mehr gut gehen. Auch wenn wir die Krone der Schöpfung sind, ist das Eingreifen in das komplexe Räderwerk der Erde nicht eine Nummer zu groß für uns? Es hat eben Nebenwirkungen und das ist nichts, wofür man sich einfach entscheidet, wofür man einfach sagt: los, lass uns das machen, das ist eine super Idee. Wer entscheidet denn, wann der Notfall schwerwiegend genug ist für einen Eingriff? Wie lange haben wir noch die Wahl? Können wir das Klima ohne Eingriff ins Erdsystem überhaupt noch in geregelte Bahnen lenken?

[2:06]Eine Szene Ende des 19. Jahrhunderts. Der Kanonenclub Baltimore ist wild entschlossen, das Klima zu ändern. Es geht um Rohstoffe. Der Rückstoß einer Riesekanone soll die Erdachse so verschieben, dass die Temperatur in der Arktis steigt und das Eis schmilzt. Die Öffentlichkeit protestiert massiv gegen den Klimaeingriff. Trotzdem, der Schuss wird abgefeuert. Diesen Eingriff ins Klimasystem hat Jules Verne vor über 100 Jahren in seinem Roman Der Schuss am Kilimanjaro erfunden. Vermutlich hätte er sich nicht träumen lassen, dass so ein Geo-Engineering mal eine wissenschaftliche Disziplin werden könnte. Wozu auch? Und schon gar nicht, dass diese Idee irgendwann mal das Klima retten soll. Als ich das erste Mal als Jurist damit konfrontiert gewesen bin, da habe ich gedacht, das ist Wahnsinn.

[3:04]Aus einem Thema, das von Exotinnen und Exoten ursprünglich in die Diskussion gebracht worden ist, ist ein Thema geworden, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Die Klimakrise wird für jeden beängstigender. Waldbrände, Dürren, Fluten und Hurricanes nehmen zu. Sie rütteln die Leute wach. Okay, was müssen wir tun, damit wir weniger unter diesen Klimaschäden leiden?

[3:32]Mit der Zeit hat man eben auch gesehen, dass wir mit den Emissionsreduktionen nicht so schnell vorankommen, wie das eigentlich nötig wäre.

[3:42]Und insofern ist die Dringlichkeit der Forschung in diese Richtung, vielleicht auch der Anwendung in diese Richtung, deutlich gestiegen. Richtige Aufmerksamkeit bekam das Thema 2006. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen schlug vor, Schwefeldioxid in die Atmosphäre zu blasen.

[4:02]Das blocke Sonnenstrahlen und könne die Erdkugel um ein bis zwei Grad abkühlen. Die Manipulation der Atmosphäre ist der derzeit umstrittenste Geo-Engineering Vorschlag. Aber was, wenn genau das der letzte Ausweg ist? Was genau steckt überhaupt hinter Geo-Engineering? Wenn wir jetzt sagen Geo-Engineering, dann haben 100 Leute 100 verschiedene Ideen darüber, was es ist.

[4:31]Deswegen tendieren wir jetzt wieder dazu, wir unterteilen das in CO2 Entnahme und in Strahlungsmanagement. Das heißt, auf verschiedene Arten und Weisen versuchen wir die Erde davon abzuschirmen, dass mehr Sonnenstrahlung an die Oberfläche kommt und dort mehr Wärme schafft oder die andere Richtung geht dann mehr an die tatsächliche Ursache des Klimawandels, nämlich den CO2 Gehalt in der Atmosphäre. Da geht es dann darum CO2 aus der Atmosphäre wieder aufzunehmen und hier gibt's eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten. Die Naturwissenschaft forscht, welche Schirmchen könnten wirklich für Abkühlung sorgen? Und welche Risiken birgt ihr Einsatz für unsere Erde? Das ist aber natürlich nicht alles, sondern dieser Themenkomplex hat auch eine gesellschaftswissenschaftliche Perspektive. Für mich als Jurist ist natürlich von vorwähnigstem Interesse, darf ich denn eigentlich solche Aktivitäten durchführen und wenn ja, wo und unter welchen Voraussetzungen? Anders als vielleicht bei anderen technologischen Entwicklungen müsste hier sehr viel gleichzeitig passieren.

[5:37]Das ist auch eine Frage ist von wie kriegen wir das eingesetzt, wie kriegen wir es schnell eingesetzt und aber auch wollen wir das als Gesellschaft überhaupt? Klar ist, wir müssen den Erdball abkühlen, aber das ginge doch auch ohne Geo-Engineering, oder? Der Zug ist abgefahren. Das hätten wir vor 20 Jahren noch schaffen können, heute wird es nicht mehr reichen. Das heißt, nur mit Reduktion der Emission schaffen wir unsere Klimaziele nicht mehr. Der aktuelle Weltklimabericht zeigt eine Vielzahl von Pfaden auch auf, die mit dem Paris Ziel konform sind. Aber fast keine von diesen Pfaden geht eben davon aus, dass wir ohne Carbon Dioxide Removal auskommen. Moment, es geht also schon gar nicht mehr, ohne dass wir CO2 aus der Atmosphäre zurückholen. Schauen wir uns die Ziele der Weltklimakonferenz in Paris an. Danach soll, um unkontrollierbare Kettenreaktionen im Erdsystem zu vermeiden, die Erderwärmung auf 1,5 bzw. maximal 2 Grad begrenzt werden. Man kann sich das CO2 in der Atmosphäre vielleicht bildlich ganz gut vorstellen, wie Wasser in einem Waschbecken. Wir wissen, das Waschbecken ist schon ziemlich voll. Es ist aber noch ein gewisser Platz da und wir dürfen noch, wenn wir das 1,5 Grad Ziel einhalten wollen, etwa 400 Milliarden Tonnen CO2 emittieren. Machen wir weiter wie bisher, also emittieren wir global weiterhin ca. 40 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr, ist bereits in 10 Jahren das 1,5 Grad Ziel nicht mehr erreichbar. Und deswegen müssen wir den Wasserhahn abdrehen, soweit wie möglich, weil wir sonst einfach das Waschbecken überlaufen lassen.

[7:15]Und das bedeutet dann, dass wir alle möglichen Klimafolgen haben, die noch viel stärker sind, als das was wir jetzt bereits sehen. Also Kipppunkte, wie z.B. Austrocknung des Regenwaldes, Schmelzen der Eisschilde oder Versauerung der Meere. Die führen zu unkalkulierbaren Reaktionen im globalen System, aber ist das Volllaufen des Beckens überhaupt noch aufzuhalten? CO2 reagiert nicht so gern. Das bleibt ganz gerne in der Atmosphäre. Das hat nicht so richtig viel Lust sich irgendwo zu binden. Das was wir jetzt jetzt emittieren, davon werden wahrscheinlich 20 % immer noch in 3000 Jahren in der Atmosphäre zu sehen sein. Das heißt, alles das, was wir jetzt tun, würden wir wirklich den folgenden Generationen und noch weit darüber hinaus auf. Und das ist ein großer Unterschied zwischen CO2 und den anderen großen Treibhausgasen. Methan beispielsweise wird chemisch abgebaut in der Atmosphäre innerhalb von etwa 12 Jahren. Die Lösung liegt doch dann auf der Hand: es darf nichts mehr rein. Unser CO2 Ausstoß muss auf Null, also Wasserhahn zu. Wenn man die Gesellschaft nicht komplett stören oder sogar zerstören will, können wir den Wasserhahn nicht sozial verträglich komplett zudrehen. In der Tat wird der Wasserhahn weiter tropfen und zwar gibt es die sogenannten wenig oder schwer vermeidbaren Emissionen. Zementproduktion, Stahlproduktion, da entstehen viele Emissionen, vor allem aber auch aus der Landwirtschaft. Solange wir Viehzucht betreiben, Nassreisanbau, wovon viele Leute in der Welt sich ernähren, werden wir emittieren. 10% des Wassers wird noch fließen müssen, um weiter Flugverkehr zu ermöglichen, um Schwertransport zu ermöglichen, um Ackerbau zu ermöglichen. Tja, und damit wären wir beim Geo-Engineering: wir müssen das CO2 irgendwie zurückholen, es aus der Atmosphäre abschöpfen. Und das entspricht dem Bild des Carbon Dioxide Removals oder der Negativ-Emissionstechnologien. Carbon Dioxide Removal, kurz CDR. Also Maßnahmen, um CO2 einzufangen und zu speichern. Im Weltklimabericht spielen sogenannte naturnahe CDR-Methoden eine Schlüsselrolle. Zum Beispiel Biomassekraftwerke, die CO2 speichern können oder die Wiedervernässung von Mooren und natürlich das Bäume pflanzen. All das bindet CO2. Wälder sind eine ganz große CO2 Senke und die Hoffnung ist jetzt natürlich, dass man einerseits diese Wälder erhält, aber man kann, wo doch was frei ist, eben dazu noch Bäume setzen, aber irgendwann mal sieht man, geht einem der Platz aus. Dann ist die Frage, und was machen wir? Dreiviertel der Eisfreien Landoberfläche ist bereits genutzt. Und diese Nutzung brauchen wir auch für Nahrungsmittel für Produktion von anderen Rohstoffen. Können wir wirklich einfach sagen, das hat Vorrang und wir brauchen hier nun die Wälder, um das CO2 aufzunehmen. Wenn man das jetzt weiter treibt, diese Aufforstung, dann sehen wir halt, dass die Farbe der Erde sich verändert, dass die der Wasserkreislauf sich verändert, dass wir tatsächlich auch mit solchen erstmal gutartig erscheinenden naturnahen Projekten, wenn das jeder machen würde, wäre das nicht mehr so naturnah, wäre auch das ein großer Eingriff in das Klima. Und aus diesem Grund wurde dann auch von der Wissenschaftseite gesagt, auch Aufforstung ist eine Form von Climate Engineering. Moment mal: wenn wir also eine lange Flugreise machen, CO2 neutral fliegen wollen und als Kompensation ein paar Bäume gepflanzt werden, betreiben wir schon Geo-Engineering? Dann handeln wir es schon mit dieser Option negative Emissionen. Wir machen das halt isoliert für unsere einige Luxusgüter sozusagen, aber wenn wir das jetzt für unsere Hausheizung machen würden, würden wir schnell an Grenzen stoßen. Schon allein, weil wir nicht genug Land dafür haben und eben auch, weil solche sogenannten naturnahen CDR Maßnahmen Nebenwirkungen für unser Klima haben können. Eine technische Variante Kohlendioxid aus der Luft zurückzuholen, steht hier in Island und heißt Orka. Es sieht aus wie eine riesige Klimaanlage, ist aber die derzeit weltweit größte CO2 Filteranlage, die das Treibhausgas direkt aus der Luft holt. Dort ist die Idee, dass wir große Anlagen mit großen Ventilatoren einbauen. Luft wird angesaugt und auf die Filter gebracht. Dort kann an den Filtern dann über wieder Säure-Basereaktionen CO2 rausgefiltert werden. Nachteil dieser Methode ist, sie brauchen sehr viel Energie, sehr viel Strom. In Island ist der hohe Energieverbrauch dank Erdwärme kein Problem. Das gewonnene hochreine CO2 wird nach dem Filtern in den Boden gepresst und langfristig in Basalt gebunden. In der Schweiz filtert eine Anlage nach dem gleichen Prinzip direkt an einer Müllverbrennungsanlage. Das Kohlendioxid wird hier recycelt. Es kommt in das Gewächshaus einer Gärtnerei und sorgt bei einem Getränkehersteller für den nötigen Blubber. Sind also solche Filteranlagen doch schon die Lösung?

[12:23]Manche Szenarien gehen davon aus, dass wir bis Mitte des Jahrhunderts jedes Jahr 9 Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre durch CDR entfernen müssen. Derzeit emittieren wir jedes Jahr etwa 40 Milliarden Tonnen CO2. Und 9 Milliarden Tonnen CO2 wäre knapp ein Viertel von diesen enormen Raten. Nochmal zum Vergleich: die größte Filteranlage in Island kompensiert 4000 Tonnen CO2 jährlich. Das entspricht dem durchschnittlichen Ausstoß von ungefähr 680 Menschen in Europa pro Jahr. Um Milliarden von Tonnen CO2 aus der Atmosphäre zu holen, werden wir viele Methoden brauchen, sehr viele. Andreas Oschlies Favorit: Gesteinsmehl.

[13:08]Ein Verfahren, was sehr gut aussieht, ist die künstliche Verwitterung von Gestein. Wenn wir im Gebirge Felsabbrüche haben, sehen wir, dass dieses Gestein schnell verwittert. Das kriegt eine andere Farbe, das wird grauer. Und das ist ein ganz natürlicher Prozess, der auf der Erde zum Glück existiert und so auch immer CO2 aus der Atmosphäre wieder rauszieht. Das macht der Planet Erde seit über 4 Milliarden Jahren. Doch wir müssten diesen natürlichen Prozess erheblich beschleunigen, indem wir Gestein kleinraspeln und auf unsere Landflächen und ins Meer streuen. Würden wir unsere jährlichen globalen Emissionen durch beschleunigte Verwitterung ausgleichen wollen, dann müssten wir zweimal im Jahr das Matterhorn kleinraspeln, verwitternd lassen.

[13:57]Das wäre aber der heutige globale Verbrauch. Wenn wir davon ausgehen, dass wir eben 90 % wegkriegen durch Emissionsvermeidung, bleiben wir noch bei bei 10 % Rest, dann müssen wir nur alle fünf Jahre ein Matterhorn kleinraspeln. Aber wo sollen wir so viele Matterhörner herbekommen und was sagen die Alpenländer dazu? Das kann die Gesellschaft schaffen, aber es ist nicht schmerzfrei. Es bräuchte riesige Steinbrüche und wieder energiefressende Maschinen. Bei einer großflächigen Anwendung würde das vermutlich an den Ökosystemen auch nicht spurlos vorbeigehen.

[14:29]Auch die Ozeane würde man brauchen. Auf Gran Canaria wird dazu in solchen abgeschlossenen Mesokosmen erforscht, wie die natürlich vorhandenen Meeresorganismen auf eine Karbonatlösung reagieren. Und dort wird jetzt geguckt, was passiert einmal mit dem CO2 tatsächlich. Funktioniert das wirklich so gut wie im Klimamodell, es wird der CO2 rausgenommen, wie schnell geht das. Und was passiert aber auch mit dem Ökosystem? Wie gehen stört das die Algen? Wachsen die schlechter, vielleicht auch besser? Fressen die kleinen Krebse das auf und sterben dann? Später einmal soll im offenen Meer getestet werden. Der Ozean könnte eine Schlüsselrolle beim Geo-Engineering spielen. Das Problem ist nur, bereits die wissenschaftlichen Feldversuche gelten vielen als zu riskant für das Ökosystem, weil niemand die Folgen zu 100 % abschätzen kann. Die Frage ist nur, wie soll man diese wissenschaftliche Gewissheit kriegen, wenn man die Experimente nicht durchführen kann? Also irgendwo landen wir da in einer von Zirkel, aus dem wir dann nicht rauskommen. Das deutsche Forschungsschiff Polarstern kippte 2009 Eisensulfat in ein 300 Quadratkilometer großes Versuchsgebiet im Südatlantik, mit Genehmigung der deutschen Regierung. Das Eisensulfat sollte das Algenwachstum beschleunigen. Algen binden wiederum CO2, Düngung der Meere nennt sich das. Doch der Versuch führte zu einem Aufschrei bei Umweltverbänden.

[15:58]Und daher ist in der Folge dieser Debatte um das Experiment der Vorstoß gemacht worden, denjenigen völkerrechtlichen Vertrag, der sich mit dem Einbringen von Substanzen in die Meeresumwelt bezieht, zu ändern und zu ergänzen, um Regelungen zum marinen Geo-Engineering. Aber im Übrigen gibt es in der Tat keine geschriebenen Regelungen, die unmittelbar mit dem Thema Geo-Engineering verknüpft sind. Es gibt aber allgemeine Rechtsgrundsätze, die Staaten verpflichten, vorsorglich und präventiv zu agieren. Die Eisendüngung könnte sich negativ auf das Ökosystem auswirken, okay, aber möglicherweise wird sie uns helfen, das 1,5 Grad Ziel doch zu erreichen. Ja, und jetzt stellt sich sofort die Frage, was wiegt höher? Nicht wahr? Das ist der der Kern dieser Abwägungsentscheidung. In dem Moment, wo durch Umweltverträglichkeitsprüfungen sichergestellt wird, dass die Wirkung auf die marinen Ökosysteme beherrschbar ist. In dem Moment sehe ich gar keine andere Möglichkeit, als dass der betreffende Belang zurücktritt und der Klimawandel überwiegt als globale Herausforderung und auch epochale Herausforderung, die auch künftige Generationen betrifft. Das tut natürlich weh, ja, weil wir müssen akzeptieren, dass wir in gewisse Umweltgüter eingreifen. Und das ist nicht das einzige Dilemma der Geo-Engineering Forschung. Denn finden wir wirklich wirksame und umsetzbare Möglichkeiten zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre, könnte das als Ausrede ausgenutzt werden. Natürlich ist es die Gefahr, dass z.B. Mineralölkonzerne an der Tankstelle sagen, hier können Sie CO2 neutral tanken, weil wir dafür Bäume pflanzen. Und das lässt sich dazu führt, dass wir weiter mit einem guten Gewissen tanken, aber es ist natürlich die Gefahr, dass man es so interpretiert. Damit betrügen wir uns selbst und auch die fossile Industrie könnte guten Gewissens einfach weitermachen wie bisher, statt umzustrukturieren. Diese CDR-Maßnahmen sollen doch dazu dienen, die kaum vermeidbaren Emissionen zurückzuholen, nicht die vermeidbaren. Wir müssen vorsichtig sein, dass wir uns nicht zu stark auf das Potenzial von CDR verlassen.

[18:17]Wir müssen wirklich unser Versprechen einlösen und erkennen, wie dringend große Veränderungen im System sind. Wir wissen, wie stark die Folgen des Klimawandels sind. Wir wissen, wie teuer das Ganze wird, wie viele Menschenleben davon auch abhängen. Und insofern ist es nicht mehr so leicht, sich rauszureden.

[18:37]Und so viel ist klar: in das Räderwerk unseres Erdsystems einzugreifen könnte möglicherweise dafür sorgen, dass sich die CO2 Bilanz wieder verbessert. Ganz sicher aber bleibt es nicht ohne Folgen. Das kann man nicht dadurch schaffen, dass wir jetzt unsere Apfelbäume im Garten einfach schön wachsen lassen, das wird nicht reichen. Das muss also im wahnsinnig großen Maßstab Teile des Planeten umkrempeln, verändern. Und das sind Eingriffe, die irgendwo auch eben an Grenzen stoßen, die die lokal weh tun werden. Es ist nicht kein Pferderennen. Es wird nicht die eine Methode geben, die uns rettet. Wir müssen auf viele verschiedene Methoden setzen. Aber können wir die Maßnahmen schnell genug ins Rollen bringen? Forschen und große Infrastrukturen schaffen, das kostet Zeit. Haben wir die noch? Das 1,5 Grad Ziel, das ist wirklich schon sehr sehr knackig, das zu erreichen ist sportlich. Selbst das 2 Grad Ziel derzeit steuern wir ja nicht darauf zu. Uns läuft wirklich die Zeit davon.

[19:47]Also gibt es für die Abkühlung unserer Erde nicht schnellere Methoden, als irgendwie das CO2 aus der Atmosphäre zu saugen? Eine der der vermutlich spektakulärsten Ideen ist Spiegel oder reflektieren das Material in den Bereich zwischen unserer Stratosphäre und dem Weltall einzubringen, damit die dort Sonnenlicht reflektieren und dafür sorgen, dass weniger Strahlung auf der Erde ankommt. Das hört sich eher so nach nach einem Katastrophen Bösewicht Film an oder Science Fiction zumindest. Aber das war eine Idee, die auf jeden Fall mal mal rumgegeistert ist. Doch diese Sonnenschirme für die Erdballkühlung sind nach jetzigem Stand zu teuer und es fehlt die Technik für den Transport nach oben. Aber es gibt einen Ansatz, der technisch einfacher ist, viel einfacher.

[20:43]Eine Flugzeugflotte fliegt rund um die Welt und sprüht Sulfataerosole in die Atmosphäre. Also ein Flugzeug fliegt, lässt oben über Düsen Staub raus Aerosole raus, die sich dann als flacher Schirm Sonnenschirm in die Atmosphäre reinlegen.

[21:06]Die Idee dafür lieferten Vulkane. Sind die aktiv, schleudern sie große Mengen Schwefeldioxid bis in die Stratosphäre. Daraus bilden sich Schwefelteilchen, die das Sonnenlicht zurück ins All reflektieren. Diesen Effekt ahmt die Forschung nach, bisher noch in Simulationen. Das funktioniert in Klimamodellen prima, also innerhalb von einem Jahr kann man das wahrscheinlich hochfahren, um die Erde ein halbes Grad abzukühlen. Technisch ist das nicht sehr schwierig und es ist auch gar nicht so teuer. Vergleicht man das mit den Investitionen, die für einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel nötig wären. Eine japanische Forschergruppe hat errechnet, dass auf täglich 6700 Flügen Schwefeldioxid versprüht werden müsste, um die Erderwärmung um 1 Grad Celsius zu senken. Vor Corona gab es weltweit jeden Tag über 100.000 Flüge.

[22:04]Es wäre also machbar, nur einen Haken hat das Ganze. Wir sind hier in Boston, der blaue Himmel über uns. Ein mögliches Risiko bei der Anwendung des solaren Geo-Engineering ist, dass die Farbe des Himmels milchig werden könnte. Kein blauer Himmel mehr. Zumindest Fans von Sonnenuntergängen könnten sich freuen. Die Meisterwerke großer Maler dokumentieren Veränderungen des Lichts bei Vulkanausbrüchen.

[22:36]Vor allem Sonnenuntergänge wirken dank Schwefeldioxid ziemlich spektakulär. Doch es gibt noch ganz andere Bedenken: wir wären abhängig von der Injektion, Schwefel-Junkies sozusagen. Denn hören wir wieder auf, dann erwärmt sich die Erde in zwei, drei Jahren auch wieder um ein halbes Grad. Man hat also so eine Art Zeitbombe generiert. Das ist meine größte Sorge, dass eine Riesenkrise Situation losbricht, Klimakatastrophe weltweit. Alle sagen, wir müssen was tun, wir müssen die Erde jetzt sofort abkühlen, aber wir haben keinen Plan, wie wir da wieder rauskommen. Die riskante Kühlung betreffe dabei nicht nur eine Region und schon gar nicht nur ein Land, sondern den gesamten Planeten. Luftströmungen und Niederschläge würden sich ändern. Es könnte zu Dürreperioden kommen. Die Nebenwirkungen wären nicht steuerbar. Betrachtet man die Idee aus der Perspektive, dass sich die Klimakrise lediglich um die Temperatur dreht, könnte der Ansatz funktionieren. Schließen wir aber soziale Gerechtigkeit in diese Betrachtung mit ein, dann ergeben sich Fragen nach der Durchführbarkeit. Wer ist daran beteiligt und wer trägt welchen Schaden?

[23:48]Wie sind die Vor- und Nachteile verteilt? Und die bedeuten so viele Ungerechtigkeiten, dass ich denke, wir müssen das ausdiskutieren, bevor die Idee weiter vorangetrieben wird. Ich denke nicht, dass es eine Möglichkeit gibt, dass die Manipulation des Erdsystems für jeden auf der Erde eine Verbesserung bringt. Selbst wenn wir denken an die Verteilung der Impfstoffdosen in der herrschenden Pandemie, da waren wir doch auch nicht in der Lage, die Impfdosen gerecht in der Welt zu verteilen. Zu denken, dass die Politik und die Machtverhältnisse bei der Anwendung von solar Geo-Engineering anders wären, ich denke, das ist einfach nur naiv. Doch längst fließen Gelder in die Forschung. Die National Academies empfahlen der US-Regierung künftig 100 Millionen Dollar in die Forschung für Solar Geo-Engineering zu investieren. Es gibt so ein bisschen auch das Notfallargument: wir behalten uns diese Technologie vor für den Notfall. Und das ist aber ein ganz ganz schwieriges Argument, weil was ist ein Notfall und wer definiert denn? Ich denke nicht, dass es eine Möglichkeit gibt, dass die Manipulation des Erdsystems für jeden auf der Erde eine Verbesserung bringt. In 20 Jahren gibt's eine Koalition von Ländern, die sagt, wir rufen jetzt den Klimanotstand aus. Aber auch da sind wir wieder an dem Punkt, vielleicht finden andere noch gar nicht, dass es ein Klimanotstand ist. Deswegen ist dieses Notfallargument problematisch. Was aber notwendig sein könnten, sind Kipppunkte im Klimasystem. Radikale Maßnahmen wie die Umnebelung unserer Erde mit Schwefelaerosolen könnten schnell zu einer Art Airbag werden. Niemand will ihn je benutzen, aber wenn es darauf ankommt, rettet er uns, zumindest hoffen wir das. Nur, je mehr dazu geforscht wird, desto wahrscheinlicher wird die Anwendung. Es ist ein Dilemma, oder? Wir haben uns angeguckt, wie normale Leute reagieren und es war so ein Aufweck-Moment von wir wussten nicht, dass es so schlimm ist mit dem Klimawandel. Und wenn wir vorher gewusst hätten, dass wir dass Forscher bereits darüber nachdenken, z.B. Schwefel in die Atmosphäre oder Stratosphäre einzubringen, wären wir schon viel früher darauf aufmerksam geworden, wie wichtig es ist, die Emission zu senken. Geo-Engineering könnte uns also, so abgedroschen es klingt, aufwecken. Denn mal ehrlich, das Klemmt dann am Klima ist nur salonfähig, weil wir alle es im letzten Jahrzehnt versäumt haben, die Emissionen zu senken. Wir müssen die Gesellschaft mitnehmen und das nicht nur wenigen Experten überlassen, dass die nachher entscheiden oder wenigen Regierung oder Diktatoren, dass die nachher die Welt retten, sondern jeder muss seinen Beitrag dazu leisten. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es von zentraler Bedeutung ist, den Schwerpunkt wirklich auf den Emissionsreduktionen zu lassen. Mit anderen Worten Geo-Engineering muss und darf nur für eine Übergangszeit nach Möglichkeit eine Zusatzaktivität sein. Und da haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, schon auch eine gewisse Verantwortung, das nicht aus dem Blick zu verlieren. Jetzt geht es darum, den Eingriff so klein wie möglich zu halten, um die Nebenwirkungen klein zu halten. Ohne CO2 aus der Atmosphäre zurückzuholen, können wir die Klimaziele wohl nicht mehr erreichen und selbst das birgt Risiken und Umbrüche. Aber so könnten wir zumindest mit einem blauen Auge davonkommen. Trotzdem sollte uns all das zu denken geben: wie tief sitzen wir in der Tinte, dass wir uns überhaupt mit so radikalen Maßnahmen beschäftigen müssen? Also lieber ein blaues Auge, als eine Welt ohne blauen Himmel.

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