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Armut in Deutschland: Verteilungskampf am unteren Rand | ZDFinfo Doku

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[0:03]Julia Paul arbeitet als Servicekraft im Waldcafé der Oberlin Reha Klinik in Bad Belzig, eine Kleinstadt mitten in Brandenburg.
[0:21]Nicht besonders viel Geld, aber im ländlichen Raum, wo die Mieten günstiger sind, eigentlich genug, um eine Wohnung zu finden.
[0:21]Bei der städtischen Wohnungsgesellschaft ist sie ohne Chance und auf dem privaten Markt ist das Angebot oft zu teuer.
[1:17]Ihr fester Arbeitsvertrag scheint nicht viel wert zu sein, die Konkurrenz ist groß.
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[0:03]Schirme aufspannen. Die Terrasse öffnet gleich. Julia Paul arbeitet als Servicekraft im Waldcafé der Oberlin Reha Klinik in Bad Belzig, eine Kleinstadt mitten in Brandenburg. Die 38-Jährige arbeitet hier in Vollzeit.

[0:21]Also das ist ein Festvertrag. 38 einhalb Stunden die Woche und ca. 1200, 1300 verdiene ich im Monat. 1200, 1300 € Netto im Monat. Nicht besonders viel Geld, aber im ländlichen Raum, wo die Mieten günstiger sind, eigentlich genug, um eine Wohnung zu finden. Doch Julia Paul sucht seit Monaten. Vergeblich. Ich bin stinksauer, ich bin wütend, natürlich. Traurig, man zweifelt an sich selber, man denkt, man ist nichts wert. Sogar der Wohnberechtigungsschein für eine Sozialwohnung hilft ihr nicht. Bei der städtischen Wohnungsgesellschaft ist sie ohne Chance und auf dem privaten Markt ist das Angebot oft zu teuer.

[1:17]Julia Paul hat sich auf über 30 Wohnungen beworben. Ihr fester Arbeitsvertrag scheint nicht viel wert zu sein, die Konkurrenz ist groß. Hartz 4 Empfänger. Zuwanderer, alles da, wo die Miete vom Amt kommt, da ist es gesichert, dass die Miete kommt monatlich. Bei einem Arbeitnehmer, der gering verdient, der kann arbeitslos werden. Da kann dann die Miete wegbrechen und das ist tödlich für eine Vermietungsgesellschaft. Der knappe Wohnraum. Seit Jahren ein Problem in Großstädten, inzwischen auch im ländlichen Raum. Die Zahl der wohnungslosen Menschen wächst. Sie landen auf der Straße in Notunterkünften oder bei Freunden. Gesicherte Zahlen, wie viele Menschen getroffen sind, gibt es nicht. Die aktuellsten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind aus dem Jahr 2018. Demnach sind 237.000 Menschen wohnungslos. Ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um gut 4 %. Dazu kommen rund 441.000 anerkannte Geflüchtete, die wohnungslos sind. Insgesamt haben also mindestens 678.000 Menschen keine eigene Wohnung. Gleichzeitig ist die Anzahl der Sozialwohnungen in den letzten 10 Jahren um 37 % zurückgegangen auf gerade mal noch 1,14 Millionen.

[2:48]Um den knappen, bezahlbaren Wohnraum konkurrieren alleinerziehende, Rentner, Flüchtlinge und Geringverdiener. Julia Paul ist bei ihrem Freund untergekommen. Was für den Übergang gedacht war, dauert jetzt schon 8 Monate. Zwei Zimmer, Küche, Bad, ca. 45 Quadratmeter für zwei Personen und ihre Haustiere viel zu klein. Das ist auch schon mein Hase. Hi Hase! Hallo. Manchmal steht man schon unter Strom, wenn man von der Arbeit kommt oder so, möchte man einfach nur seine Ruhe haben. Und einfach nur genießen, auf der Couch liegen, nichts machen.

[3:30]In den vergangenen Monaten hat sie immer wieder das Gefühl gehabt, dass andere ihr bei der Wohnungssuche vorgezogen werden. Ich kann ein Beispiel nennen. Ich hatte mir im Januar Anfang des Jahres eine Wohnung angeguckt, die stand 4, 5 Monate leer. Und plötzlich wohnte da ein Zuwanderer drinne. Und das weiß ich durch eine Freundin, die wohnt in dem Haus.

[3:57]Der knappe Wohnraum führt zu Konkurrenzdenken und hat eine Neiddebatte entfacht.

[4:08]Ina Schildbach von der Universität Regensburg beschäftigt sich mit der wachsenden Armut in Deutschland. Sie kritisiert, dass eine verfehlte Wohnungspolitik Verlustängste geschürt habe. Aber auch in anderen Bereichen gäbe es Diskussionen um Verteilungskämpfe. Ich glaube, dass man wirklich einen Kampf Arm gegen Arm feststellen kann. Bei den Tafeln, bei Obdachlosenunterkünften, bei tatsächlich auch Kampf um prekäre Jobs ist es ja wirklich Arm gegen Arm, das ist nicht zu leugnen. Es gibt diesen Verdrängungswettbewerb und es gibt einfach eine unglaublich große Schicht an Personen, die arm sind. Georg Kremer, ehemaliger Generalsekretär des deutschen Caritasverbands, fordert eine Versachlichung der Armutsdebatte. Er warnt vor einer Zuspitzung Arm gegen Arm. Mich stört es, wenn behauptet wird, Hilfe für eine Gruppe der Armen müsste zu Lasten gehen einer anderen Gruppe. Damit mobilisieren Politiker vom rechten extremen Rand gerade gegen Hilfen für Flüchtlinge. Wegen der Hilfe für Flüchtlinge ist keine einzige Sozialleistung gekürzt worden. Im Sozialstaat jedenfalls findet eine solche Verdrängung nicht statt. Doch viele Betroffene empfinden das anders. Berlin. Hier leben schätzungsweise 10.000 Obdachlose Menschen.

[5:40]Anna Sophie Gert ist Sozialarbeiterin bei der Berliner Stadtmission. Mit großer Sorge beobachtet sie die Entwicklung auf den Straßen der Hauptstadt. Man kann sagen, dass in den letzten 8 Jahren auf jeden Fall deutlich mehr obdachlose Menschen in dieser Stadt leben. Dazu kommen Menschen, die keinen gesicherten Wohnraum haben. Man erkennt das daran, dass vor 8 Jahren gab es knapp 600 Notübernachtungsplätze im Winter, jetzt haben wir 1200 Notübernachtungsplätze. Und auch die sind noch zu wenig. Die City-Station der Berliner Stadtmission. Hier gibt es eine warme Mahlzeit für Bedürftige. Corona bedingt findet die Essensausgabe am Fenster statt. Nur wenige dürfen drinnen sitzen. Der harte Verteilungskampf der Notleidenden ist hier spürbar. sind Menschen, die auch viel Einsamkeit erleben und die schon sagen, hey, ich merke förmlich, wie mir hier Platz weggenommen wird und es aber nicht differenziert betrachten, sondern schnell, ich sag mal auf die Lösung kommen, ach, die ganzen Rumänen oder die ganzen Polen sind schuld, dass ich jetzt hier nicht mehr so viel Platz habe. Seit der EU Osterweiterung 2014 herrscht Freizügigkeit. Viele Osteuropäer kommen nach Deutschland in der Hoffnung auf Arbeit, doch nicht alle schaffen es. In Berlin stammen rund 60 % der Obdachlosen aus EU-Ländern.

[7:23]Ich habe es nicht gefunden. Ich wollte hier Arbeit finden, aber es gibt ein sprachliches Problem.

[7:31]Und in dieser Situation mit Corona, ich dachte es sei leichter.

[7:41]Man sieht die Schlangen vor den Tafeln, man sieht Schlangen bei uns. Man sieht vor jedem Supermarkt in Berlin, dass da mehr Menschen sitzen und nach Geld fragen oder nach Spenden fragen. Das fällt natürlich auf und da sagen die Menschen, hey, ich habe mein ganzes Leben gearbeitet und ich kriege jetzt nur 400 € Grundsicherung. Das finde ich gemein so und da entsteht Neid, entsteht Konkurrenz und auch Unverständnis. Ihre Aufgabe ist es zu vermitteln und allen klarzumachen, dass sie im gleichen Boot sitzen.

[8:13]Linda Rennings kämpft seit 2012 für die Belange von Hilfsbedürftigen. Heute findet eine Mahnwache statt. Die Sozialarbeiterin fordert ein Büro für Streetworker und eine öffentliche Toilette.

[8:32]Die Dixiklos äh sind ja eine Katastrophe, äh die sind ja zu bis oben hin und das ist Gesundheitsgefährdend, Seuchengefahr, Krankheitserreger, ist ja ein Zustand, der geht nicht. Auf dem Platz im Vorort Müllheim haben sich in den letzten Jahren immer mehr Obdachlose zusammengefunden. Viele kommen inzwischen aus der Innenstadt hierher. In der Domstadt leben schätzungsweise rund 6000 Menschen auf der Straße. Seit Corona landen immer mehr Bedürftige auf dem Wiener Platz. Es ist also extrem, vor allen Dingen ältere Frauen. Ich hatte ja eigentlich immer den Fokus auf Frauen und Mädchen und dann sind wir ja letztes Jahr hier im Shutdown an dem Wiener Platz gekommen und haben gesehen, was hier für eine Not ist. Also ich hatte hier über 250 Menschen stehen, die wirklich Hunger und Durst hatten. Das war eine Katastrophe, ja. Da waren nicht nur die Obdachlosen und Wohnungslosen, da war der Armutsrentner, der Migrant, es war der der aus der Gastronomie, der plötzlich seinen Job verloren hat, kein Geld hatte. Also es war Wahnsinn, was hier los war und da haben wir gesagt, okay, bei der Not, da wollen wir auch helfen und ich bin hier geboren und das ist mein Viertel und ich sag klar, da bleibe ich auch hier.

[9:34]Regelmäßig verteilen die 58-Jährige und ihr Team Essen und Getränke an Hilfsbedürftige. Jeder kann kommen und sich etwas abholen. Auch eine Ärztin ist vor Ort. Sie übernimmt die Erstversorgung von Wunden.

[9:54]Linda Rennings macht sich Sorgen. Sie beobachtet einen wachsenden Rassismus auf der Straße. Es bilden sich verschiedene Gruppierungen, ne? Also da sind die Osteuropäer, da sind dann die Bulgaren und Rumänen, da sind die Deutschen und so. Also so unterschiedliche Gruppierungen. Mina ist gerade mal 30 Jahre. Sie lebt seit 17 Jahren auf der Straße. Du musst jeden Tag gucken, wie du überlebst, nicht? Ich bin mich hier obdachlos. Also weder Harz 4 noch irgendwas anderes und keine Wohnung. Hier auf dem Wiener Platz hält man zusammen. Der sich kennt, der hilft sich. Deshalb ist sie hier. Jeder hat seinen festen Platz. Wenn du weißt, bei einem geht's gerade schlecht, und dir geht's gerade besser, dann räumst du deinen Platz einmal und überlässt den. Auf der Straße gelten klare Regeln. Also wenn du dich da mal kurz aus Versehen in einem Gebiet einmichst, dann kriegst du direkt auf die Fresse. Direkt ohne Vorwarnung. Du sammelst eine Flasche auf, weil du so siehst, na ist gerade der, dem das Gebiet gehört, sage ich mal, hast verloren, du hast verloren.

[10:58]Durch Corona ist das Leben noch härter geworden. Michael sammelt Flaschen. Weniger Menschen auf der Straße bedeutet, es gibt weniger zum Schnorren und weniger Leergut. Wir teilen uns das Revier untereinander auf und jeder der dazwischen funkt, kriegt eine Ansage. Einer ist einfach in mein einen Wagen gegangen, hat einfach da reingegriffen, hat sich 4, 25 Cent Flaschen genommen. Habe ich gesagt, nee, geht nicht, geht nicht, geht nicht. Hat er mir auf ein gegeben, ja und danach habe ich ins Boden gelegt, weil das ja Geld. Das ist quasi mein Bankkonto. Die Folgen der Pandemie treffen sozial benachteiligte besonders hart. Beispiel: Minijobs. Durch die Corona-Krise haben 850.000 Menschen ihren 450 € Job verloren. Darunter vermehrt auch Rentnerinnen und Rentner, die ohne Minijob in die Altersarmut rutschen.

[12:06]Die Minijobber fallen aus dem System, weil ihre Stellen nicht sozialversicherungspflichtig sind. Das bedeutet, kein Kurzarbeitergeld, kein Arbeitslosengeld.

[12:22]Arm gegen Arm. Die Zahl der Bedürftigen wächst. Das knappe Angebot an Hilfen erhöht die Konkurrenz. Der gefühlte Druck steigt. Die Probleme wurden durch den Zuzug der Geflüchteten und Zugewanderten aus Osteuropa nicht erzeugt. Aber sie sorgen für eine wachsende Sichtbarkeit der Armut. Politik muss an die Ursachen gehen, wenn Konflikte nicht schärfer werden sollen.

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