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Der schlauste Verbrecher Deutschlands

Simplicissimus

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[0:03]Am Morgen des 22. April 1994 verlässt ein 44-jähriger Mann sein Haus. Er ist schon spät dran. Hektisch verstaut er sein Fahrrad in einem Mietwagen. 50 m entfernt, sieht er zwei Männer in einem Auto sitzen. Das Auto kommt ihm irgendwie bekannt vor.

[0:25]Die Männer verfolgen ihn zuerst, dann biegen sie ab. Fehlalarm. Der Mann weiß nicht, dass Zivilbeamte ihn abwechselnd verfolgen. Schließlich hält er an einer Telefonzelle. Er hält kurz inne und wählt dann eine Nummer. Beim Kaufhauskonzern Karstadt klingelt das Telefon. Seit Jahren wird der Konzern von einem Unbekannten erpresst. Die Polizei ortet den Anrufer und lokalisiert eine Telefonzelle im Berliner Stadtteil Johannistal. Es ist genau die Telefonzelle, zu der die Beamten dem Mann gefolgt sind. Bingo. Wenn sie ihn jetzt nicht in die Finger kriegen, waren jahrelange Ermittlungsarbeit umsonst.

[1:19]Halt stehen bleiben, Polizei.

[1:27]Der Mann, der hier kurz vor seiner Festnahme steht, nennt sich Dagobert. Sein Fall umfasst hunderttausende D-Mark erpresstes Lösegeld, zahlreiche explodierte Sprengsätze, Dutzende gescheiterte Geldübergaben und ein enormes Medienecho. Dagobert ist gefasst. Das ist die Geschichte des spektakulärsten Katz- und Mausspiels in der deutschen Kriminalgeschichte.

[2:06]25. Mai 1988 in West-Berlin. Es ist Abend. Das Luxuskaufhaus KDW schließt seine Türen.

[2:16]Um kurz vor Mitternacht ist das Kaufhaus Menschenleer.

[2:22]Mitten in der Sportabteilung explodiert ein Sprengsatz. Ein Bombenanschlag. Menschen werden nicht verletzt, aber es entsteht ein hoher Sachschaden. Knapp zwei Wochen zuvor hat das Kaufhaus einen Drohbrief erhalten. Ein unbekannter Erpresser hat 500.000 D-Mark gefordert und mit einem Anschlag gedroht. Niemand will das Risiko einer weiteren Bombe in Kauf nehmen. Das KDW will zahlen. Aber wie? Sie fahren mit dem Zug um 20:43 Uhr Richtung Frohnau. Sie nehmen den letzten Waggon und stellen sich in Fahrtrichtung gesehen auf die rechte Seite. Polizeibeamte haben eine halbe Million D-Mark in Tausender Scheinen dabei. Per Funk sind sie mit dem Erpresser verbunden. Achtung hier spricht der Erpresser. Werfen Sie das Geld jetzt raus!

[3:24]Der Täter kann mit dem Geld entkommen. Die Polizei wird ihn in dieser Nacht nicht mehr finden. Apropos Geldtransfer, mit Revolut kannst du in Echtzeit Überweisung tätigen. Revolut ist eine digitale Bank mit weltweit 45 Millionen Nutzern. Ob tägliches Online Banking, Investitionen oder Reisevorteile, Revolut kann dich schnell und unkompliziert unterstützen. Über den Link in der Beschreibung kannst du dir 20 € Willkommensbonus sichern. In nur wenigen Minuten kannst du dein Konto eröffnen und sofort loslegen. In der App hast du einen klaren Überblick über deine Finanzen und es gibt verschiedene Tools zum Sparen. Mit der Pocket Funktion kannst du verschiedene Sparziele festlegen. Mit der Wechselgeldfunktion werden Zahlungsbeträge automatisch aufgerundet und das Restgeld zur Seite gelegt. Revolut ist auch ideal fürs Reisen geeignet. Du kannst 36 Währungen gebührenfrei zum Echtzeitwechselkurs in der App umtauschen und im Ausland kostenlos Bargeld abheben. Deine physische Karte kannst du dir ganz nach deinen Vorlieben individuell gestalten. Lade dir die Revolut jetzt kostenlos über unseren Link in der Beschreibung herunter und erhalte einen 20 € Willkommensbonus. Damit unterstützt du außerdem unseren Kanal. Vier Jahre später. Die spektakuläre KDW Erpressung ist längst vergessen. Der Erpresser hat vier Jahre lang von dem Lösegeld gelebt. Jetzt ist das Geld offenbar aus.

[4:48]Eine Explosion in der Porzellanabteilung einer Karstadtfiliale in Hamburg. Der Schaden geht in die Millionen. Keine Verletzten. Im Drohbrief an das Kaufhaus fordert der Erpresser Lösegeld und droht mit weiteren Anschlägen. Dieses Mal war es nur ein besserer Knallfrosch. Nächstes Mal wird es zur Katastrophe kommen. Wenn Karstadt zahlen möchte, sollen sie es ihm in einer Zeitungsannonce per Codewort mitteilen. Das verabredete Signal: Dagobert grüßt seine Neffen. Dagobert. So wird die Presse ihn von nun an nennen. Irgendwo mitten in Mecklenburg-Vorpommern hängt ein Kasten an einer Straßenlaterne. Ein Geldbote der Polizei erscheint. Dagobert hat ihn dorthin dirigiert. In dem Kasten liegt ein Turnbeutel mit Donald Duck Design und eine ungewöhnliche technische Vorrichtung. Dagoberts Anweisung: Der Geldbote soll Vorrichtung und Geldbeutel an den letzten Waggon des Zuges Rostock-Berlin hängen. In der Nähe von Neustrelitz wartet Dagobert am Bahngleis. Um 22:30 Uhr lässt er per Funk die Vorrichtung herunterklappen. Sie soll den Beutel jetzt fallen lassen. Doch die Tasche bleibt hängen. Dagobert entkommt.

[6:10]Am 15. September 1992 explodiert eine weitere Bombe in einem Aufzug im Karstadt von Hannover während der Öffnungszeiten. Zwei Personen werden leicht verletzt. Die Anschläge haben eine neue Dimension erreicht. Oktober 1992. Wieder eine Geldübergabe aus einer fahrenden S-Bahn. Der Unterschied: Diesmal hat die Polizei 400 Beamte entlang der Strecke positioniert.

[6:42]Dagobert gibt per Funk das Signal, das Geld aus dem Zug zu werfen. Werft das Zeug. Als er sich der Abwurfstelle nähert, wird er von zwei Polizisten entdeckt. Hey! Dagobert entscheidet sich kurzerhand das Geld zurückzulassen und sprintet davon. Hastig schwingt er sich auf ein Fahrrad. Ein Polizist ist ihm dicht auf den Fersen, versetzt ihm einen Stoß. Dagobert hält die Balance. Der Beamte läuft ihm weiterhin hinterher, kann ihn an der Jacke packen. Dann rutscht er aus, laut Boulevardmedien auf einem Hundehaufen. Nachher korrigiert die Polizei, es seien doch nur nasse Blätter gewesen. Dagobert entkommt.

[7:24]19. April 1993. Später Abend. Ein Parkplatz in Süd-Berlin. Die Polizei soll eine Tasche mit 1 Million D-Mark in einer Streusandkiste deponieren. Sie haben die Tasche mit Bewegungssensoren versehen. Sie legen das Geld hinein und warten in der Nähe in einem Auto. Was sie nicht wissen: Dagobert steht unter der Kiste in der Kanalisation und trinkt ein Dosenbier. Die Kiste hat einen doppelten Boden und steht auf einem Gullideckel. Den Deckel hat er vorher durch eine Betonplatte ersetzt. Mit einem versteckten Mikrofon lauscht der den Aktivitäten der Polizisten. Nachdem er gehört hat, dass das Geld in der Kiste liegt, greift er zu. Er stemmt sich mit aller Kraft gegen den präparierten Betonboden unter der Kiste. Die Tasche fällt ihm samt Streugut entgegen. Gleichzeitig schlagen die Sensoren an. Jetzt können sie den Täter endlich fassen. Aber an der Kiste ist niemand zu sehen. Die Beamten gehen von einem Fehlalarm aus. Dagobert hat die Tasche. Doch darin findet er nur Papierschnipsel und wertlose Elektronik. Durch die Kanalisation macht er sich auf den Heimweg. Etliche Geldübergaben folgen, die allesamt scheitern. Oft bricht Dagobert die Aktion ab aus Angst entdeckt zu werden. Die wenigen erfolgreichen Übergaben stellen sich als wertlose Köder heraus. Teilweise packen die Polizei und Karstadt nur Papierschnipsel in Geldsäcke, um kein echtes Geld zu verlieren. Dagobert wird sich bald eine Vorrichtung überlegen, die ihn in ganz Deutschland berühmt machen wird. Sein Meisterstück.

[9:12]Januar 1994. Ein stillgelegtes Gleis in Berlin-Charlottenburg. Die Polizei hat diesmal echtes Geld dabei, 1,4 Millionen D-Mark. Auf dem Gleis finden die Beamten ein eigenartiges Gerät, etwa so groß wie ein Skateboard. Das Lösegeld soll darauf abgelegt werden. Die Ermittler folgen den Anweisungen und drücken einen roten Knopf. Plötzlich fährt das Gerät los und wird immer schneller. Die Polizei rennt hinterher. Etliche Beamte stürzen in der Dunkelheit über Stolperdrähte. Auf einen Schlag gehen von allen Seiten Feuerwerkskörper und Pyrotechnik hoch. Die Polizei hat Angst, dass geschossen wird. Sie geben die Verfolgungsjagd auf. Die 1,4 Millionen Mark sind nur noch wenige Meter von Dagobert entfernt. Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Nur 30 Meter vor ihrem Ziel entgleist das selbstgebaute Gefährt. Dagobert will nichts riskieren und flieht. Er entkommt den Beamten schon wieder.

[10:21]Die Polizei hat über die Jahre etliche Hinweise gesammelt. Auch ein Fahndungsbild vom potentiellen Täter existiert. Doch der große Durchbruch bleibt aus. Aber auch auf dem Erpresser lastet enormer Druck. Es gab knapp 30 Geldübergabeversuche, doch nur einer davon vor etlichen Jahren war erfolgreich. 19. April 1994. Zwei Zivilbeamte haben erfolglos eine Telefonzelle beschattet. Jetzt packen sie zusammen. Ihnen fällt ein Mann auf. Er schaut nachdenklich drein. Und er hat Ähnlichkeit mit dem Phantombild. Ein Polizist notiert sich auf gut Glück sein Kennzeichen. Später stellt sich heraus, dass es ein Mietwagen ist. Sie fragen mehr Infos beim Anbieter an. Sie finden heraus, dass die Mietzeiträume mit den Aktivitäten des Kaufhauserpressers übereinstimmen. Ein Zufall? Wenig später beschatten sie sein Haus und folgen ihm zu jener Telefonzelle. Der Mann gibt sich zu erkennen. Er sagt, er sei Dagobert. Die Beamten legen ihm Handschellen an. Dagobert leistet keinen Widerstand. Sechs Jahre, tausende Einsatzkräfte und Kosten von insgesamt 10 Millionen D-Mark. Nur um diesen einen Mann zu fangen. Und nun ist das vorbei. Ja, ein Traum, ja schöner Traum war es ja nun nicht gerade. Angst, Depressionen, Selbstmordabsichten. Das ist Arno Funke. Er hat einen Sohn, ist verheiratet und lebt damals von Sozialhilfe. Sein erster Medienauftritt ist der Tag seiner Verhaftung. ein guter Tag für Sie? Nee, heute nicht. war etwas im Stress gewesen. Ein Gutachter attestiert ihm ein IQ von 148. Das ist weit über dem Durchschnitt. Als Kind zeigte Funke bereits künstlerisches Talent. Er zeichnete und tüftelte gerne. Die Schule interessierte ihn jedoch wenig. Ja, ich bin vielseitig begabt. Anscheinend, äh, das ist mein grundsätzliches Problem, was ich im Leben hatte. Ich habe mich für so viele Sachen interessiert. Bloß nie habe ich irgendwas wirklich richtig zu Ende gebracht. Depressionen und Geldprobleme ziehen sich durch sein Leben. Laut eigenen Aussagen löst ein gescheiterter Suizidversuch etwas in ihm aus. Er glaubt plötzlich, Geld könne all seine Probleme lösen. So ist ja die Hoffnung, dass man natürlich mit Geld, wenn man es dann hat und nicht mehr in der Trehmühle von Geld verdienen und Geld ausgeben drinst steckt, in der man sich nicht mehr bewegen kann. Das ist die Hoffnung, die treibt einen dann letztendlich voran. Kurz darauf kommt ihm die Idee, Kaufhäuser zu erpressen. Die öffentliche Meinung ist damals gespalten. Dagobert sorgt für Faszination. Und der Mann ist gut in meiner Meinung. Einfach interessant, wie er das immer wieder schafft. Also ich meine, das ist natürlich eine illegale Aktion, was er da macht. Das ist klar, aber das ist äh immer was anderes, ne? Für viele wird er eine Art Volksheld. Wenn es nur um Geld geht, dann habe ich ja noch Verständnis dafür. 61,3 % der Anrufer haben gesagt, ja, er ist sympathisch. Auch, weil er augenscheinlich immer darauf achtet, niemanden zu gefährden. Insbesondere die Boulevard Medien haben Dagoberts Aktion gefeiert. Die Polizei wurde teils verspottet. Was das so ausmacht, wenn die schreibende Boulevardpresse so mit der Polizei umgeht. sollte sich jeder selbst ein Bild von machen. Was war natürlich nicht jeden Schritt, den die Polizei als nächstes macht, in die Öffentlichkeit bläst. Das erklärt sich ja wohl von selbst. Martin Textor war zu diesem Zeitpunkt Referatsleiter im LKA Berlin und hat die Festnahme von Funke verantwortet. Eine Erpressung und das Auslösen von Sprengstoff, das sind Verbrechen. Dagobert war also zur damaligen Zeit ein gesuchter Verbrecher. Und ihm ist es eben nicht immer gelungen, niemanden zu schaden. Ich habe damals mal in einem Interview unmittelbar danach gesagt, Dagobert hat jetzt für mich auch noch die letzte Unschuld verloren. Die Karstadt Mitarbeiter in ganz Deutschland hatten Angst davor, dass der Karstadt Konzern erpresst wird. Und dass er eben dadurch, weil er ja nie Geld bekommen hat, langsam so sauer wird, dass er da irgendwo einen Sprengstoffanschlag macht. Also, wenn Sie natürlich so ein Teil hinten im Kofferraum zu liegen haben, äh und da durch die Stadt fahren, äh denken Sie auch äh nicht nur an die möglichen Menschen, die unter Umständen Schaden nehmen könnten, sondern man denkt auch an den eigenen Schaden, den man nehmen könnte, wenn man jetzt irgendwo einen Fehler gemacht hat. Nach seiner Festnahme kommt Funke vor Gericht. Sechs Sprengstoffanschläge und schwere räuberische Erpressung. Dafür kriegt er 9 Jahre Haft. Er bekommt eine Schuldminderung, weil bei ihm Hirnschäden festgestellt werden. In Haft schreibt er seine Autobiographie. Parallel arbeitet er für ein Satiremagazin. Er zeichnet Karikaturen von Polizisten und Politikern. Wegen guter Führung wird er nach sechs Jahren entlassen.

[15:43]Seine Festnahme ist heute über 30 Jahre her. Er nahm am Dschungelcamp Teil und tritt immer wieder im Fernsehen auf. Gibt ja auch Dinge, die man wirklich an die man am wenigsten denkt. Zum Beispiel, was für Probleme die Polizei selber auch privat menschlich hatten, mit dem ganzen Fall. Da hatte das Familienleben teilweise bei einigen Beamten doch sehr drunter gelitten und natürlich als Verkäuferin oder Verkäufer, dass die nun nicht alle, aber einige auch mit einem unguten Gefühl zur Arbeit gegangen sind. Ich hatte ja nur gehofft, es ist schnell vorbei. Nach seiner Haftentlassung sucht Funke das Gespräch mit Textor. In diesem Gespräch ging es nur darum, dass Arno Funke mir minutiös mit Zetteln mit gestoppten Zeiten beweisen wollte, dass er auch bei Karstadt am Herrmanplatz niemand gefährden wollte und auch niemand gefährdet hat. Dieses Gespräch und diese Aussage von ihm ist so ungewöhnlich. Ja, ich habe ihn dann etwas anders gesehen als vorher. Ich habe so einen Straftäter wie ihn in meinem Leben nicht vorher und auch nicht mehr danach erlebt. Und ich habe ihm gesagt, du wirst nie wieder sowas machen und deswegen werden wir also auch nicht, weil ich pensioniert bin, wir akzeptieren uns. Er hat da eigenartige, er hat eine nette Art von Humor. Er hat mir z.B. sein Buch Ente Kross geschenkt und vorne reingeschrieben als Widmung für meinen Lieblingspolizisten. Es ist ein Mann, der Humor hat, der einmal in dem Leben auf die wirklich schiefen Bahn geraten ist und jetzt hat er seine Strafe abgesessen. Jetzt ist er ein verurteilter Straftäter. Man kann mit ihm umgehen jetzt und ich kann es gut. Cheers

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