[0:09]Meine Herren und Damen,
[0:21]Es ist das allererste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf. Und ich möchte hier feststellen und zwar ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat. Die Frauen besitzen heute das ihnen zustehende Recht der Staatsbürgerin. Gemäß ihrer Weltanschauung konnte und durfte eine vom Volke beauftragte sozialistische Regierung nicht anders handeln, wie sie gehandelt hat. Sie hat getan, was sie tun musste, als sie bei der Vorbereitung dieser Versammlung die Frauen als gleichberechtigte Staatsbürgerin anerkannte. Ich möchte hier feststellen und glaube damit im Einverständnis vieler zu sprechen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit. Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist. Wollte die Regierung eine demokratische Verfassung vorbereiten, dann gehörte zu dieser Vorbereitung das Volk, das ganze Volk in seiner Vertretung. Die Männer, die dem weiblichen Teil der deutschen Bevölkerung das bisher zu Unrecht vorenthaltene Staatsbürgerrecht gegeben haben, haben damit eine für jeden gerecht denkenden Menschen, auch für jeden Demokraten selbstverständliche Pflicht erfüllt. Unsere Pflicht aber ist es, hier auszusprechen, was für immer in den Annalen der Geschichte festgehalten werden wird, das ist die erste sozialdemokratische Regierung gewesen ist, die ein Ende gemacht hat mit der politischen Unmündigkeit der deutschen Frau.
[2:32]Durch die politische Gleichstellung ist nun meinem Geschlecht die Möglichkeit gegeben zur vollen Entfaltung seiner Kräfte. Mit Recht wird man erst jetzt von einem neuen Deutschland sprechen können und von der Souveränität des ganzen Volkes. Durch diese volle Demokratie ist aber auch zum Ausdruck gebracht worden, dass die Politik in Zukunft kein Handwerk sein soll. Scharfes, kluges Denken, ruhiges Abwägen und wahrmes menschliches Fühlen gehören zusammen. Zusammen in einer vom ganzen Volke gewählten Körperschaft, in der über das zukünftige Wohl und Wehe des ganzen Volkes entschieden werden soll. Der Herr Ministerpräsident hat in seinem Regierungsprogramm einen Ausblick gegeben für unser Arbeiten in der Zukunft. Er hat aber auch zur gleicher Zeit einen besonderen Ausblick gegeben für das Wirken der Frauen in neuen Deutschland. Er hat uns weite, hoffnungsvolle Perspektiven gegeben für unser Arbeiten. Ich möchte hier sagen, dass die Frauenfrage, so wie sie jetzt in Deutschland in ihrem alten Sinne nicht mehr besteht, dass sie gelöst ist. Wir werden es nicht mehr nötig haben mit Versammlungen, mit Resolutionen, mit Eingaben um unser Recht zu kämpfen. Der politische Kampf, der immer bestehen bleiben wird, wird sich von nun an in anderen Formen abspielen. Innerhalb des durch Weltanschauung und selbstgewählte Parteigruppierung gezogenen Rahmens haben wir Frauen nunmehr Gelegenheit unsere Kräfte auswirken zu lassen. Aber damit begeben wir uns nun keineswegs des Rechts anders geartete Menschen weibliche Menschen zu sein. Es wird uns nicht einfallen unser Frauentum zu verleugnen, weil wir in die politische Arena getreten sind und für die Rechte des Volkes mitkämpfen. Kein Punkt des neuen Regierungsprogramms ist da, an dem wir sozialdemokratische Frauen ohne Interesse wären. Ich begrüße es ganz besonders, dass im Regierungsprogramm bekundet wird, dass auch das Verwaltungswesen demokratisiert werden soll, sodass in Zukunft den Frauen auch Gelegenheit gegeben sein wird, mit in alle offenstehende Ämter einzutreten. An einem gesunden Aufbau unseres Wirtschaftslebens sind wir Frauen gleicherweise interessiert wie die Männer. Und jede einzelne Frau wird in ihrer Partnergruppe nach ihrer Weltanschauung das Beste dazu geben, dass wir wieder zu einer Gesundung unseres Wirtschaftslebens kommen. Wissen doch gerade wir Frauen und Mütter am besten, was auf dem Spiele steht, wenn es uns nicht gelingt, uns wieder aus diesem Elend zu erheben, indem wir uns jetzt befinden. Wir Frauen sind uns sehr bewusst, dass in zivilrechtlicher, wie auch in wirtschaftlicher Beziehung die Frauen noch lange nicht die gleichberechtigten sind. Wir wissen, dass hier noch mit sehr vielen Dingen der Vergangenheit aufzuräumen ist, die nicht von heute auf morgen aus der Welt zu schaffen sind. Es wird hier angestrengtester und zielbewusstester Arbeit bedürfen, um den Frauen im staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Leben zu der Stellung zu verhelfen, die ihnen zukommt. Zu all diesen Dingen, die wir uns vorstellen, hat die Umgestaltung unserer Staatsform zur Demokratie uns die Wege geöffnet. Jetzt heißt es, diese Wege zu beschreiten und das zu schaffen, was zum Glück unseres Volkes in der Zukunft notwendig ist. Zum Glück dieses Volkes, zur vollen Befreiung des Volkes ist es aber notwendig, dass alle Parteien wissen, worauf es in jeder Stunde ankommt. Und da möchte ich ganz besonders sagen, dass wir den Zug der Zeit nicht aufhalten dürfen, dass wir nicht bremsen dürfen, sondern immer mit vorwärtsschreiten müssen, dass wir den Strömungen der Zeit ein psychologisches Verständnis entgegenbringen müssen. Diese Strömungen, die aus der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung geboren werden, sind lange genug mit Gewalt, mit starrer Gewalt, die in unserem alten System wurzelte zurückgehalten worden und konnten nicht zur Entfaltung kommen, bis es explodierte. Es ist hier in der politischen Debatte so manches gesagt worden, was mich zum Widerspruch reizte und zum Nachdenken gebracht hat. Herr Graf von Posadowsky hat z.B. hier die Frage gestellt, was ist unter Junkern Herrschaft zu verstehen? Das weiß alle Welt, mit Ausnahme einer ganz kleinen Gruppe, die sich bisher gegen dieses Wissen verschlossen hat. Ich möchte Herrn Graf von Posadowsky wenn er den Rat geben, einmal bei den deutschen Frauen anzufragen, was man unter den Jungen dann bisher in Deutschland verstanden hat und auch noch heute versteht. Dieses freiste Wahlrecht, unter dem diese Nationalversammlung gewählt worden ist, hat die Stärke der Gruppe des Herrn Grafen vom Posadowsky und seiner Freunde gezeigt und wir wissen alle und es hat mich gewundert, dass es niemand bisher hier gesagt hat, dass auch unter dem demokratischen Wahlrecht zum deutschen Reichstag es nicht möglich gewesen ist, der Volksmehrheit so zu ihrem Rechte zu verhelfen, wie es eigentlich hätte sein müssen, weil unsere Auffassung das nicht zugelassen hat. Der Einfluss der Junker war stets stärker, als er ihnen zahlenmäßig gebührte. So, es ist weiter von Herrn Graf von Posadowsky gefragt worden, warum wir uns diesen Waffenstillstand haben gefallen lassen. Die Antwort bisher in diesem Hause schon gegeben worden, aber ganz kurz will ich auch meine Meinung dazu sagen. Der Herr Graf von Posadowsky und seine Freunde wissen ganz genau, warum wir uns diesen Waffenstillstand gefallen lassen müssen. Weil dieser Krieg durch ihre Politik bis zum moralischen Zusammenbruch unseres Volkes geführt hat. Und die Revolution, ja, meine Herren, Sie werden diese Revolution nicht verstehen, Sie werden sie niemals buchen als das, was sie ist, eine geschichtliche Tatsache, die herauswachsen musste aus den Verhältnissen, zu denen sie getrieben haben.
[8:48]Es ist die Frage gestellt worden, woher denn plötzlich die vielen Feinde gekommen sein, mit denen Deutschland zu rechnen hatte. Es ist gesagt worden, der Deutsche sei vor dem Kriege geehrt und geachtet gewesen. Ja, eine Gegenfrage. War das nicht Selbsttäuschung? Sind diese Feinde nun plötzlich aus dem Boden herausgewachsen, nachdem der Krieg da war, oder ist es vielleicht nicht so, dass das, was gedacht und gefühlt worden ist, nunmehr zum Ausdruck kam? Preußen Deutschland hatte keine Sympathien im Ausland, das hat uns der Krieg gezeigt. Wenn wir dafür sorgen, helfen, dass Deutschland wieder zu vernünftigen Zuständen kommt, Gerechtigkeit genießen und sich wohlfühlen können, wenn wir aufgrund demokratischer Verhältnisse zu anderen Zuständen kommen, als wir sie heute haben. Vielleicht ist es dann einmal möglich eine geachtete Stellung im Ausland zu bekommen. Aber mit einer ganz, ganz anderen Politik, als sie unter dem alten Regiment mit ihrer Hilfe gemacht worden ist. Von dem Herrn Grafen von Posadowsky wurde auch die Unterdrückung der Presse als etwas ganz Neues angeführt. Wir billigen die Unterdrückung der Presse von heute durchaus nicht, das brauche ich nicht besonders festzustellen. Aber wo war denn die Pressefreiheit während des Krieges? Wer erinnert sich nicht der endlosen Zensurdebatten, die wir bis zum Überdruss in den Zeitungen gelesen haben? Wir haben niemals einen Erfolg der vielen Proteste zu sehen bekommen, bis das alte System zusammengebrochen ist. Solange hatten wir auch die schimpfliche Knebelung der Presse auch in politischer Beziehung. Die Zeitung der verschiedensten Richtungen, auch die Zeitung ihrer Partei haben ja bitter darüber Klage gefühlt. Deshalb mutet es heute ganz besonders an, wenn gerade dieser Herr von Graf von Posadowsky als ihr Vertreter sich über die Knebelung der Presse beklagt. Wir stellen die Freiheit der Presse und die Freiheit der Versammlung über alles. Es ist hier von Herrn Hase einiges über die Politik der unabhängigen Sozialdemokratie ausgesprochen worden. Nach seinem Dafürhalten müssen wir Deutsche stillhalten. Unter allen Umständen, auch wenn wir sehen, dass, und ich gebrauche mit Absicht dieses so viel benutzte Schlagwort, die Errungenschaften der Revolution kaputt gemacht werden, dass Pressfreiheit und Freiheit der Staatsbürger, Versammlungsfreiheit vernichtet werden, dass der Demokratie mit Maschinengewehren und bedrohlichen Umzügen das Grab gegraben wird. Dazu haben wir nicht den Willen. Das Bekenntnis zur Demokratie, welches ich im Anfang meiner Ausführung hier für uns eingelegt habe, verbietet es uns. Und macht es uns grundsätzlich zur Unmöglichkeit, die Wege einzuschlagen, wie sie von jener Seite beliebt werden. Es ist gesagt worden, in dem Programm der Regierung fehle jeder Tropfen Sozialismus. Darauf möchte ich erwidern, dass es heißt, die Augen vor den Realitäten des heutigen Lebens zu schließen. Wir sind es der Arbeiterschaft einfach schuldig, eine solche Politik zu verfolgen, die wir sie heute tun. Weil wir es der Masse der Arbeiter vor den Männern und Frauen und vor unseren Kindern nicht verantworten könnten, wenn wir durch eine derart verkehrte Politik, wie es von jener Seite beliebt wird, dazu beitragen würden, dass alles das, was die Arbeiterschaft in den ersten Novemberwochen sich errungen hat, die Freiheit der Staatsbürger bis zur letzten Konsequenz wieder verscherzt würde, und dass damit dem Fortschritt die Wege wieder verschlossen würden.
[12:37]Der Krieg ist kein Jungbrunnen der Moral. Physisch und moralisch hat das Volk unter diesem Kriege ganz ungeheuer gelitten und leidet heute noch unter seinen Folgeerscheinungen. Die befreiten Frauen Deutschlands sollten den Söhnen, Vätern, Brüdern, Freunden, die sich in Feindesland befinden, heute hier von dieser Stelle ihre herzlichen Grüße zurufen. Wir bedauern es aufs Tiefste, dass sie dort die ganzen seelischen und körperlichen Qualen der Gefangenschaft durchmachen müssen. Und wir bedauern die vielen Angehörigen hier in unserem armen, unglücklichen Deutschland, die auch heute noch bangen müssen um ihre Lieben da draußen, denen der Krieg noch immer nicht zu Ende gegangen ist, weil sie ihre Lieben noch nicht in die Arme schließen können, weil die Frauen, die hier in Seelenqual um ihrer Männer bangen, das Verlangen danach haben, all die Qualen der letzten viereinhalb Jahre auszulöschen in den Herzen derer, mit denen sie verbunden sind. Das soll hier mit diesen Worten zum Ausdruck gebracht werden.
[13:49]Marie Juchatz, 1902, 1919. Die erste Frau, die vor einer Nationalversammlung gesprochen hat. Ich bedanke mich sehr für diese Einladung und dass ich Marie Juchatz heute Ihnen diese Stimme verleihen durfte.



