[0:03]Was, wenn ich euch jetzt sage, dass ihr all das hier eines Tages nur noch in Videos sehen könntet. Stellt euch vor, Venedig ist durch den Anstieg des Meeresspiegels untergegangen. Der Regenwald hat sich in eine Savanne verwandelt, und die Korallenriffe sind verschwunden. Unrealistisch? Nein. Die Frage ist allerdings, wie schnell wir uns auf diese Zukunft zubewegen und ob wir sie noch abwenden können. Jedes Grad, jeder Bruchteil eines Grades zählt. Für ein Ökosystem ist es inzwischen zu spät: die Warmwasserkorallen. Die farbenprächtigen Naturwunder können sich dem veränderten Klima nicht mehr anpassen. Sie haben einen sogenannten Kipppunkt überschritten. Warum? Winzige kleine Algen machen die Korallenriffe so bunt. Sie leben auf den Korallenpolypen und versorgen diese mit Nährstoffen. Doch erwärmt sich das Wasser für längere Zeit auf über 30°, stoßen die Polypen die Algen ab, eine sogenannte Korallenbleiche setzt ein. Dann sieht das Riff so aus. Es braucht etwa 10 Jahre, um sich selbst zu regenerieren. Doch inzwischen steigen die Wassertemperaturen fast jährlich über die 30° Grenze. Die Riffe können also nicht neu von Korallen besiedelt werden. Damit verlieren Küstenstaaten den natürlichen Schutz vor Flutwellen und gleichzeitig den Fischfang als wichtige Nahrungsquelle. Wir subventionieren massiv immer weiter die Nutzung fossiler Brennstoffe. Wir subventionieren quasi unseren eigenen Untergang damit. Andere Kipppunkte haben sogar globale Auswirkungen, wie die Eisschmelze in Grönland und die Strömungen im Atlantik. Heißer, kälter, chaotischer: Die Welt am Kipppunkt. Wir stellen die Frage, steht unsere Welt bereits an einem Kipppunkt? In Europa werden wir das langsame Verschwinden der Warmwasserkorallen nicht so schnell merken. Doch ist ein Kipppunkt überschritten, ist diese Entwicklung unumkehrbar. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat verschiedene Kipppunkte rund um den Globus ausgemacht. Ökosysteme wie die Korallenriffe, Strömungssysteme in den Meeren und Eiskörper. Während einige Systeme erst bei deutlich über 1,5° kippen, erreichen andere bereits ab 1,5° Erderwärmung ihren Kipppunkt, wie eben die Korallenriffe. Als nächstes bedroht die Erderwärmung die Eisschilde, z.B. hier in Grönland. Grönland, schmilzt der Riese, steigt der Meeresspiegel. Seit den 1990er Jahren schmilzt das grönländische Eisschild und hat inzwischen Felsgestein auf einer Fläche so groß wie Albanien freigelegt. Als Glaziologe ist mir ja eigentlich eher gewohnt, dass man irgendwie so im kalten arbeitet und auf Schneeoberflächen, aber da braucht man Gummistiefel. Also, es ist wirklich, man hat da Schneematch an der Oberfläche. Und man weiß manchmal einfach auch gar nicht mehr, wo kann man überhaupt noch Instrumente aufbauen? Noch wird die Schmelze durch die steigenden Temperaturen verursacht, aber sie könnte sich verselbstständigen. Denn je weniger Neuschnee es gibt, desto mehr Firn wird freigelegt, also Schnee aus dem vergangenen Jahr, der noch nicht zu Eis geworden ist. Der ist dunkler und absorbiert somit mehr Sonnenlicht, anstatt es zu reflektieren. Hinzu kommt, je mehr das Eisschild schmilzt, desto mehr verliert es an Höhe. Und genau wie in den Bergen ist Höhe gleichbedeutend mit Kälte. Nun sind Forscher noch auf ein weiteres Problem gestoßen. Was wir festgestellt haben, gerade in den letzten Jahren, ist, dass die Seen, die sich oft durch das Schmelzwasser auf dem Oberfläche der Gletscher bilden, dass diese Seen sich immer weiter in höher gelegenen Gebieten bilden. Und was wir bisher nicht vermutet hatten ist, dass wenn diese Seen groß genug sind, irgendwann trainieren die es bilden sich riesige Risse und das ganze Wasser fließt an die Basis des Gletschers und entlang der Basis dann bis zum Ozean. Hat sich der Schmelzprozess erst verselbstständigt, hat das System seinen Kipppunkt überschritten. Selbst wenn die Erde sich wie durch ein Wunder wieder abkühlen würde, würde das Eis weiter schmelzen. Wissenschaftler vermuten, dass dieser Punkt bei 1,6° Erderwärmung erreicht sein könnte. Wenn wir die Atmosphäre weniger erwärmen, und sei es auch nur um einen Bruchteil eines Grades, wird sich das unmittelbar darauf auswirken, wie viel Eis in Grönland schmilzt und wie schnell es schmilzt. Das ist wirklich wichtig, damit wir uns anpassen können und auch, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden. Je mehr Schmelzwasser in den Ozean abfließt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, einen weiteren Kipppunkt zu triggern, den Kollaps der atlantischen Umweltzirkulation, kurz Amok. Noch nie gehört? Sie sorgt bei uns in Europa z.B. für das milde Klima. Diese Strömung ist schon ein riesiger Wärmetransportmechanismus, ist auch der Grund, warum die Nordhalbkugel wärmer ist als die Südhalbkugel. Die Wärmemenge, die hier nach Norden transportiert wird, entspricht dem 50-fachen des Energieverbrauchs der gesamten Menschheit. Und wenn das plötzlich zusammenbricht oder versiegt im Laufe der Jahrzehnte, dann haben wir ein komplett neues Klima. Außer Kontrolle: Die Kipppunktkaskade.
[5:27]Aber warum ist das grönländische Schmelzwasser für die Meeresströmung ein Problem? Die Amok transportiert salzhaltiges Wasser an der Oberfläche des Atlantiks von der Südspitze Südafrikas bis nach Europa und weiter gen Norden. Dort sinkt sie ab und kehrt als kalte Strömung wieder zurück gen Süden. Absinken kann sie aus zwei Gründen. Auf dem Weg in den Norden entweicht die Wärme an der Wasseroberfläche. Die Wassermassen werden kühler, dichter und schwerer. Außerdem nimmt der Salzgehalt zu, da ein Teil des Wassers gefriert. Nun zum Problem. Zum einen kühlt das Wasser durch die steigenden Lufttemperaturen weniger ab. Aber vor allem, Die Strömung sinkt an drei Punkten ab und zwei davon befinden sich südöstlich und südwestlich von Grönland. Hier schmilzt das Eis. Dieses so entstandene Süßwasser fließt ins Meer. Der Salzgehalt sinkt. Die Folge im schlimmsten Szenario: Die Amok bricht zusammen. Es hängt wirklich davon ab, wie stark sich unsere Erde erwärmt. Je höher also die globale Erwärmung bis 2100, desto höher das Risiko. Und in einer unserer Studien haben wir gezeigt, dass bei einem mittleren Szenario das Risiko des Zusammenbruchs bis zum Jahr 2100 bei etwa 50% liegt. Wissenschaftler vermuten, dass sich die atlantische Umweltströmung bereits um 15% abgeschwächt hat. Und das verursacht bei uns in Europa Hitzewellen und Temperaturrekorde. Erstaunlich, aber die Meeresströmung hat auch einen Einfluss auf Hoch- und Tiefdruckgebiete, die unser Wetter bestimmen. Würde sie jedoch zusammenbrechen, würde sich die Welt, wie wir sie kennen, völlig verändern. Die Welt danach.
[7:09]In Europa würde ein Versiegen der atlantischen Umweltströmung in erster Linie für mehr Wetterextreme sorgen, die vor allem für die Landwirtschaft zum Problem werden. Der Nordwesten Europas wird sich abkühlen, und zwar stark abkühlen mit viel kälteren Wintern. Die Sommer dagegen können noch heißer werden. Das hängt vom jeweiligen Ort ab. Und wenn man sich z.B. die Niederschläge anschaut, stellt man fest, dass die Niederschlagsmengen in Europa um etwa 20% zurückgehen. In anderen Erdteilen wären die Folgen noch dramatischer. Wenn die Amok sich zu stark abschwächt oder ganz versiegt, die tropischen Niederschlagsgürtel sich nach Süden verschieben, und dann würden im nördlichen Teil des Amazonaswaldes z.B. dann die Niederschläge fehlen und könnten eben dort dann diesen Wald über den Kipppunkt hinüber schieben. Kipppunkte können sich also gegenseitig beeinflussen und ihre Folgen für unser Klima sind tiefgreifend. Können wir sie noch abwenden? Wir müssen alles tun, dass diese Temperaturen, die Lufttemperaturen runtergehen. Wir sind ja schon an der 1,5° Grenze des Pariser Abkommens, aber warum sind wir da, weil die Politik dieses Risiko generell der Erderwärmung, inklusive der Kipppunkte, einfach nicht ernst genug nimmt und nicht schnell genug vorankommt beim Klimaschutz. Denn je weniger die Erde sich letzten Endes erwärmt, desto geringer ist die Gefahr nach den Warmwasserkorallen weitere Kipppunkte in unserem Klimasystem zu überschreiten. Und desto besser können wir Menschen uns dem veränderten Klima anpassen.



