Thumbnail for Normalität als Gewalt. Warum gesunde Menschen in kranken Systemen als krank gelten (Teil 1 von 3) by Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert

Normalität als Gewalt. Warum gesunde Menschen in kranken Systemen als krank gelten (Teil 1 von 3)

Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert

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[0:00]Heute geht es um das scheinbar normalste der Welt: Normalität. Ich schau mir dieses tolle Thema an aus der Sicht erstens die Frage, warum gelten gesunde Menschen in kranken Systemen als krank? Nochmal, warum gelten gesunde Menschen in kranken Systemen als krank und nicht als gesund? Dann der zweite große Hauptteil Normalität als Gewaltform, der dritte Teil die Sektenlogik der Normalität. Und der vierte Teil, warum Klarheit sozial bestraft wird? Starten wir mit Frage eins. Warum gelten eigentlich gesunde Menschen in kranken Systemen als krank und nicht als gesund? Viele Menschen glauben Krankheit sei etwas Individuelles, also was in einzelnen Menschen entsteht. Was wäre aber, wenn das Gegenteil näher an der Wahrheit ist? Wenn also nicht der Mensch schwach, gestört oder defizitär ist, sondern eventuell sein Lebenskontext? Und was wäre damit, wenn seine Antwort, eine gesunde Antwort auf etwas ist und keine, die zu pathologisieren wäre. Ich spreche aber heute lieber nicht über Diagnosen, das steht mir nicht zu, sondern einfach über Normalität. Und behaupte Normalität ist kein neutraler Zustand, sie ist eine soziale Setzung.

[1:57]Normal ist nicht das, was gut ist, sondern das, was funktioniert und zwar für das System. Also normal ist nicht das, was gut für den Einzelnen funktioniert und gut ist. Ein gesundes Nervensystem reagiert auf Überforderung, ein gesundes Gewissen antwortet auf Unrecht. Und ein gesunder Mensch zieht sich zurück, wenn zum Beispiel Nähe schadet. Oder, wenn diesem Menschen etwas dauerhaft so schadet, dass er sagt, das zerstört mich. Das sind dann eigentlich keine pathologischen Symptome, sondern Schutzreaktionen. Genau solche Antworten werden aber in vielen Kontexten heute nicht als gesunde Antwort gelesen, sondern als Störung. Wer sagt, ich halte das hier nicht aus, also, ich kann und will hier nicht bleiben, gilt schnell als instabil. Und wenn du den Eindruck hast, das fühlt sich völlig falsch für dich an, giltst du schnell als überempfindlich. Da reicht es einfach, wenn du den normalen Betrieb störst. Und dann spürst du die Umkehrung. In kranken Systemen gilt nicht derjenige, diejenige als gesund, der oder die sich selbst spürt und sich selbst reguliert. Sondern der gilt als gesund, der bleibt und weitermacht, obwohl es ihm schadet. Und der z.B. Gewalt relativiert.

[3:40]Und jemand, der funktioniert, obwohl er längst innerlich daran zerbrochen ist. All diese Menschen werden häufig gepriesen für ihre Stabilität. Und jetzt gelangen wir an einen entscheidenden Punkt. Systeme können sich nicht selbst diagnostizieren. Sie liefern und haben auch keine Sprache für ihre eigene Gewalt, sie können nur Abweichungen und Abweichler markieren. Und wenn es nicht in ihr System, also es gibt ja auch Teilsysteme, Familie und ähnliches, wenn es da nicht reinpasst, dann muss es doch irgendwo hin verschoben werden. Und der einzige Ort, wohin man es schieben kann, ist der Einzelne, das Individuum. Und so entsteht Pathologisierung. Das ist gar nicht böse vom System, sie sind dafür da, stabil zu stabil zu bleiben, stabil weiterzulaufen. Systeme sind für den Selbsterhalt von Systemen da. Und wenn es Probleme beim Menschen gibt, dann wird nicht die Ordnung verändert, sondern die Menschen müssten verändert werden. Und das erklärt, warum so viele Menschen mit Diagnosen leben, die eigentlich wenig über ihr Inneres sagen, sondern über ihre Lebensbedingungen. Depression kann dann tatsächlich heißen, dass jemand einfach in dem, was er erlebt hat, keinen Sinn sieht. Und sagt, hier ist alles so zusammenhangslos, das ist doch ein sinn entleerter Kontext. Angst kann heißen, dass jemand widersprüchliche Signale und erlebte Unsicherheit einfach nicht mehr weg reguliert. Bindungsproblem könnte heißen, jemand weigert sich Nähe mit Selbstverlust zu erkaufen. Und Klarheit muss vielleicht auch nicht als hart oder asozial gelesen werden, wenn jemand etwas, was er gesehen hat, nicht länger relativiert. Das entscheidende ist, viele dieser Menschen sind oft nicht krank, sie sind nicht kompatibel. Und ihre Inkompatibilität wird in funktional ausgerichteten Systemen immer als defekt gelesen. Das ist natürlich kein neues Phänomen. Neu ist nur, dass es heute eher subtil geschieht. Man wird dann nicht mehr offen ausgegrenzt, sondern einem begegnen dann sogar Begriffe, die fürsorglich klingen. Man sagt also nicht einfach, du passt hier nicht rein, vor allem in so einer inklusiven Kultur heutzutage. Sondern man sagt, wir machen uns Sorgen um dich. Und genau deshalb fällt es vielen so schwer, sich dagegen zu wehren, denn wer will schon gegen Hilfe und Fürsorge sein? Die entscheidende Frage bleibt aber, wem helfen solche Diagnosen eigentlich? Den Menschen oder der Ordnung, in der er nicht mehr funktionieren will? Ein kurzer Zwischenstopp, das ist jetzt noch nicht das der Schluss, sondern jetzt ist erstmal das Fundament gelegt. Alles weitere baut dann, was ich heute sage, auf dieser Umkehrung auf. Gesundheit bedeutet also nicht länger bei sich zu bleiben, sondern anschlussfähig zu bleiben. Ich wiederhole das. Gesundheit bedeutet dann nicht länger bei sich zu bleiben, sondern anschlussfähig zu bleiben. Kommen wir zu Teil zwei, die Normalität als Gewaltform. Wenn wir für gewöhnlich über Gewalt sprechen, denken wir vielleicht an blaues Auge, gebrochenen Arm. Vielleicht Morddrohungen, wie bei häuslicher Gewalt. Also offenkundige Grenzverletzung, wo wir eindeutig das Gefühl haben, ja, das ist falsch. Aber an Normalität denken viele nicht, wenn von Gewalt gesprochen wird. Denn hier gibt's ja keine Täterfigur. Das sieht nicht nach Skandal aus. Man man hat keine einzige Szene, die man festhalten könnte. Und genau deshalb ist Normalität so wirksam. Sie sagt nicht, das hier ist nicht richtig. Sie tadelt nicht, sondern sie sagt einfach, das macht man so. Und dieser Satz verschiebt dann alles, denn was man so macht, muss auch nicht länger begründet werden. Es entzieht sich der Verantwortung. Normalität ist, wenn man etwas so macht, keine faktische Beschreibung von Wirklichkeit. Sie ist vielmehr eine Setzung darüber, was als wirklich gelten darf. In einer gesunden Umgebung wäre Normalität flexibel. Sie lässt sich irritieren, sie kann lernen. Je kränker ein System ist, desto starrer ist seine Normalität. Dann dient diese Normalität in einem starren System nicht mehr als Ordnung, denen, die darin leben, denn Ordnungen sind ja sinnvoll. Sondern die Normalität in kranken Systemen dienen der Stabilisierung und zwar der Teilsysteme oder eines großen Systems insgesamt. Stabilisierung meint immer, der Betrieb soll weiterlaufen. Normalität ist dort gewalttätig, wo sie Menschen zwingt, sich so zu regulieren mit dem Ziel, dass sie dazu gehören. Und dieser Druck ist selten offen oder brutal mit blauen Augen, sondern eher als Erwartung wird er kommuniziert. Du sollst dich z.B. nicht so anstellen, du sollst nicht alles so ernst nehmen, sei doch nicht so empfindlich. Sei bitte nicht so absolut in deinen Urteilen. Du bist viel zu emotional. Solche Sätze sind keine Ratschläge, sie dienen der Disziplinierung. Sie fordern faktisch, pass dich an, damit die Ordnung intakt bleibt. Normalität selbst entscheidet darüber, welche deiner Antworten und Handlungen als legitim gelten. Natürlich darfst du z.B. trauern, aber bitte zeitlich begrenzt. Du darfst wütend sein, aber bitte in zivilen Ausdrucksformen. Ja, Kritik ist erwünscht, aber bitte konstruktiv. Klarheit, hm, ja, aber bleib versöhnlich. Alles andere gilt der Normalität als überzogen, dysfunktional, problematisch. Du musst nichts Falsches sagen, aber du darfst es nicht störend sagen. Und hier zeigt sich die Gewalt der Normalität. Sie erklärt nicht das, was Menschen verletzt. Sie erklärt, wie bei einer narzisstischen Störung deine Antwort darauf als Abweichung. Das ist ja auch die Falle, wenn du so einen netten Narz oder eine Narzisstin zu Hause hast, du wirst beleidigt oder bedroht. Und wenn du jetzt mal brüllst, statt der oder sie dich an und tadelt dich vielleicht noch, dass du schizophren bist.

[12:19]Das meine ich damit, also, nicht der Täter ist Erklärungsbedürftig, sondern deine Antwort. Es ist einer der das wirst du eigentlich bei jedem der richtig schöne Narzisst so erleben. Also Opfer Täter Umkehr.

[12:39]Normalität fragt also nicht mit dir zusammen, warum ist das hier so unerträglich, sondern, wieso reagierst du so stark? Und so wird das Gewaltverhältnis unsichtbar. Und du mit deiner einzelnen Antwort sehr sichtbar und zwar schnell tadelnswert. Jetzt kommt noch hinzu, Normalität ist deshalb so besonders mächtig, weil sie sich als ethisch tarnt. Sie tritt auf als das Vernünftige. Der Ausgleich, die Mitte.

[13:22]Die Differenzierung.

[13:26]Wenn du immer alles differenzieren sollst, statt klar zu benennen, kann das auch dazu dienen, dass man sich weigert, etwas klar zu benennen. Denn faktisch nicht alles ist komplex und differenziert, manches ist sehr eindeutig. Doch Normalität misstraut gerne der Eindeutigkeit, weil Eindeutigkeit Entscheidungen erzwingen würde. Und das ist klar, Entscheidungen stören den Frieden.

[14:00]Also, was wir vorhin schon bei Gesundheit oder pathologisch angeguckt hatten, in der Normalität gilt, wer bleibt, der oder die ist stabil. Wer geht, ist auffällig. Wer aushält, ist reif. Wer sich entzieht oder still bleibt und sich zurückzieht, ist schwierig.

[14:27]So wird Leid bei denen, die bleiben, zu einem Reifezeichen. Und Selbstschutz von denen, die sich zurückziehen zu einem Defizit. Das ist eine fundamentale Umkehrung.

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