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Abstieg Ost: Die Geistersiedlung von Suhl | SPIEGEL TV

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[0:00]Alle reden über das drohende Arbeitsplatzsterben. Hier in Erfurt hat es längst begonnen. Im September gehen im Logistikzentrum von Zalando die Lichter aus. Der Onlinehändler will sein Geschäft optimieren. Im Klartext bedeutet das, knapp 3000 Beschäftigte bangen um ihren Job und ihre Zukunft. Wir waren erstmal alle total am Boden. Also, wir wussten, dass wir gar nichts weiter. Es war für uns, ja, wie sagt man so schön, die Hölle auf Erden. Beschissen. Um es deutlich zu sagen. Da mein schwerbehindert, Das ist schon kritisch. Da geht's um Existenzängste, da geht's um um Nöte, wie wird's weitergehen, wie wird die Situation sich gestalten? Das ist ja aber aktuell alles noch sehr offen. Zalando macht gute Umsätze, möchte aber durch die Neuausrichtung noch profitabler werden. Optimierungspläne, in denen die Mitarbeiter in Erfurt nicht vorkommen, noch wehrt sich der Betriebsrat. Wir sind noch nicht soweit, dass wir sagen, wir müssen uns vor Gericht einigen. Wir verstehen, dass der Betrieb schnellstmöglich zu einem Ziel kommen möchte. Aber wir möchten hier über 2700 Zeilen sprechen. Eine dieser Seelen wohnt im Thüringischen Sömmerda. 11 Jahre und sechs Monate hat Daniela Herbanzky für Zalando gearbeitet. Und zwar mehr als genug. Überstunden, Überstunden, Überstunden. Wir waren Weihnachten tot, wir waren Weihnachten, Ostern. Über Pfingsten. 1. Mai, wir waren immer da. Immer. Immer. Wo ich meinen Mann gepflegt habe, da habe ich mich aus dem aus dem Lohnbuchhaltung rausgenommen, dass sie mir keinen Lohn zahlen, war ich war ich unentgeltlich zu Hause. Wir haben eigentlich, wir waren die meiste Zeit bei Salando wie zu Hause, gell? Ja. Deswegen ist es ja jetzt so ein Schock. Ihr Mann ist vor einem Jahr gestorben. Seitdem bekommt die 55-jährige neben ihrem Zalando Gehalt eine sehr geringe Witwenrente. Damit bestreitet sie ihre laufenden Kosten und einen Kredit, den sie noch abzahlen muss. Also jetzt zurzeit funktioniert's, aber wenn ich dann arbeitslos wäre, dann funktioniert's halt nicht mehr. Und wenn der Kredit Mieter, also ich habe 1200 € eigentlich Ausgaben. Ja, wenn ich die Kunden auszüge sehe, könnte ich heulen. Ja, aber wäre nicht heutzutage. Wie viel Kredit müssen Sie noch zurückbezahlen? Das willst du nicht wissen. Das sind schon ein bisschen noch. Also wo ich das letzte Mal bei der Bank war, da hat die gesagt noch neun Jahre. Wenn sie arbeitslos wird, könnte eine sogenannte Restschuldversicherung die Kreditraten übernehmen, theoretisch, doch praktisch. Vor allen Dingen, ich war da vorher auf der Bank und habe gesagt, ich brauche die scheiß Versicherung nicht, ich werde nicht arbeitslos. Und habe die Versicherung weggenommen von den Kredit. Zu dumm kann man nicht sein und am nächsten Tag erfahre ich das, dann ich dachte mir ne. Daniela Herbanzky und ihre Zalando Kollegen sind nicht die einzigen, die in Thüringen Existenzängste haben. Im Freistaat ist der schwächelnde Arbeitsmarkt schon länger ein Thema. In allen Branchen brechen Jobs weg. 2025 sankt die Zahl der Erwerbstätigen um mehr als 11.000. Auf den niedrigsten Wert seit über 20 Jahren. Was der Wegfall von Arbeitsplätzen anrichten kann, hat auch die Stadt Suhl nach der Wiedervereinigung erlebt. Viele Betriebe wurden damals liquidiert und mit ihnen auch die Menschen, die dort beschäftigt waren. So wie im VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Theelmann, berühmt für ihre legendären Simson Mopeds. Auch für Hermann Öchsner kam das Ende mit der Wende. Ich möchte sagen, es blutet das Herz, was aus dem großen Betrieb geworden ist, ja. Ende der 80er Jahre ist Simson der größte Zweiradhersteller Deutschlands. Knapp 200.000 Mopeds rollen hier jährlich vom Band. Aber mit der DDR brechen auch die Exportmärkte zusammen, die Nachfrage sinkt. 4000 Menschen kämpfen um ihre Jobs, die meisten verlieren. Ich mit meinen 43 Jahren, ich finde keine Arbeit mehr. Nirgends. Mit den 500 € arbeitslos und der Stützung hier. Kann ich mir kleinen Strick nehmen, kann mich aufhängen. Nur die guten Leute wurden behalten, mit denen man was machen konnte und wer da Hilfsarbeiter war oder irgend so andere, der musste sehen, wie er irgendwo unterkommt. Die Konsequenz: Massenhafte Abwanderung. 1988 lebten noch fast 60.000 Menschen im Thüringischen Suhl. Dann ging es bergab. Mittlerweile sind es nicht mal mehr 35.000. Ein Bevölkerungsrückgang von 38 %. Die ganze Stadt im Schrumpfmodus. Dabei war Suhl einst ein aufstrebender Stern am DDR-Himmel. Industriell voll ausgebaut lockte die Stadt viele neue Bewohner an. Um Platz für sie zu schaffen, wurde Ende der 70er Jahre die Plattenbausiedlung auf dem Ziegenberg errichtet. Rund 14.000 Menschen lebten hier. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Über 30 Wohnblöcke abgerissen und der Rest soll auch noch weg. Seit fast 50 Jahren lebt Hermann Öchsner in Suhl-Nord. Sein Zuhause, aber bald wird auch er gehen müssen. Zwei Wohnhäuser in der Größe von dem haben hintereinander gestanden und ich habe hier hinten im letzten gewohnt, dann. War auch schön ruhig. Warum wird es abgerissen? Keine Mieter. Die Stadt macht die Not zur Tugend. Aus der fast leeren Geistersiedlung in Suhl-Nord soll bis 2040 ein schickes Gewerbegebiet werden. Vorher wird alles abgerissen. Junge, junge, das sieht hier aus.

[6:27]Ja ja, es ist leer gezogen, aber schon längere Zeit. Junge, Junge. Guck mal hier. Ah. Ah.

[6:39]Die Flippers. Wo Menschen wegziehen, kann auch die Infrastruktur nicht überleben. Und so stirbt der Stadtteil jeden Tag ein bisschen mehr. Ja, links beginnen waren Restaurant, daneben war Druckerei, da war der Lidl und ganz hinten war ein Döner. Waren alles gefragte Anlaufstellen zum Einkauf. Was hat Suhl-Nord jetzt noch zu bieten? Frische Luft. Zurück nach Erfurt. Zalando hat 22 Millionen Euro staatliche Fördermittel bekommen. Jetzt zieht der Konzern weiter und eröffnet ein neues Logistikzentrum in Giesen. 14 Jahre war Zalando ein sicherer Arbeitgeber für die Menschen. Jetzt sollen sie aus Effizienzgründen abgewickelt werden. Das lässt auch Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow nicht kalt. Wir reden von weit über 3000 Menschen, die direkt oder indirekt mit dem Objekt verbunden sind. Und es sind 60 Nationen, die in dem Unternehmen tätig sind. Das heißt, wir haben es mit einer Vielfalt zu tun und die Besonderheit ist, es sind auch sehr viele schwerbehinderte in dem Betrieb tätigen und dass man das alles wegschmeißen will, das halte ich für schwer ertragbar. Daniela Herbanzky wurde von Zalando angeboten, mit an den neuen Standort zu ziehen. Ins 200 km entfernte Giesen. Für mich ist es gar keine Frage, dass ich nach Gießen gehe. Nee, ich habe meinen Mann auf dem Friedhof. Nee. Ich habe mein Kind hier. Ich habe Familie hier. Ich bin 55 Jahre. Nee, das mache ich nicht. Wir haben wir mal geguckt, eine Wohnung in Gießen für ich bezahle jetzt hier für 541 €. Und in Gießen bezahle ich für eine Einraumwohnung das gleiche. Ja, das ist gar keine Option für mich. Also wird sie sich gleichzeitig mit vielen anderen Arbeitsuchenden in ihrer Heimat um einen neuen Job bemühen müssen.

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