Thumbnail for Wie Technik den Holocaust ermöglichte: Topf & Söhne, die Ofenbauer von Auschwitz | Terra X by Terra X History

Wie Technik den Holocaust ermöglichte: Topf & Söhne, die Ofenbauer von Auschwitz | Terra X

Terra X History

30m 30s2,966 words~15 min read
Auto-Generated

[0:00]Das folgende Video ist für Zuschauer unter 12 Jahren nicht geeignet. Auschwitz-Birkenau. Zwischen 1942 und 1945 werden hier über eine Million Männer, Frauen und Kinder ermordet. Es ist das größte Vernichtungslager des NS-Regimes. Die Ruinen der Krematorien erinnern bis heute an diesen systematischen Massenmord. Wir sprechen darüber, was hier 10 m von mir entfernt in diesem Raum passiert ist. Es war die Hölle auf Erden.

[0:43]Menschen aus ganz Europa werden hierher deportiert. Für die meisten, die hier ankommen, endet das Leben kurz darauf in der Gaskammer. Doch was passiert mit den vielen Toten? Nachdem Tausende von Menschen gleichzeitig in Gaskammern ermordet werden können, war das ein riesen logistisches Problem für die SS, die Toten spurlos verschwinden zu lassen. Die Lösung der Täter: Industrielle Verbrennungsöfen. Das Firmenzeichen des Unternehmens, das diese liefert, ist noch heute auf einem Ofen im Stammlager Auschwitz zu sehen. Topf und Söhne. Wie wird aus diesem Familienunternehmen ein Akteur des Holocausts? Wie werden Mitmenschen zu Mittätern? Und wie wird aus Technik ein Instrument der Massenvernichtung? Die Ofenbauer von Auschwitz.

[1:59]Erfurt. Das ehemalige Verwaltungsgebäude von Topf und Söhne. Hier werden in den 1930er und 40er Jahren die Öfen entwickelt, die später in mehreren Konzentrations- und Vernichtungslagern zum Einsatz kommen.

[2:22]Die Historikerin Dr. Annegret Schühle arbeitet seit über 20 Jahren die dunkle Vergangenheit der Firma Topf und Söhne auf.

[2:34]Topf und Söhne waren Mitwisser und Mittäter, weil sie wissentlich und auch initiativreich mit technischen Anlagen die Leichenbeseitigung und den Massenmord sozusagen unterstützt und optimiert haben. Die Geschichte von Topf und Söhne beginnt lange vor dem Zweiten Weltkrieg. Gegründet 1878 von Johann Andreas Topf, stellt das Unternehmen zunächst Melzereianlagen, Dampfkessel und Feuerungsanlagen her. Erst ab 1914 nimmt die Firma auch Krematoriumsöfen in ihr Programm auf. Die Feuerbestattung ist in Europa zu dieser Zeit noch vergleichsweise neu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich in Folge der Industrialisierung sozusagen die Platznot in den innerstädtischen Friedhöfen äh verschärft, auch man hat auch mehr Sensibilität für hygienische Fragen und das hat dazu geführt, dass man nach einer Alternative zur Erdbestattung gesucht hat. Diese Idee ist von einem sozusagen technisch interessierten säkularisierten modernen Bürgertum aufgenommen worden. Das erste deutsche Krematorium entsteht 1878 in Gotha. Befürworter, sogenannte Krematisten, werben in Vereinen für die Feuerbestattung als moderne Alternative zur herkömmlichen Erdbestattung. Gegner bezeichnen sie als Pietätlos und unchristlich. Um die Akzeptanz damals zu fördern, erinnern Krematorien architektonisch oft an Kirchen oder Tempel. Es gelten zudem hohe Pietätsstandards. Technisch bedeutet das: Die Öfen arbeiten mit vorgeheizten Brennkammern und klar geregelten Abläufen. Die Technik soll Würde und Ordnung garantieren, alles ist präzise geregelt. Das Prinzip, dass der Leichnam nicht durch das Feuer erreicht werden kann, dass es nur noch reine weißliche Asche gibt, äh die übrig bleibt, dass die Asche nicht vermischt wird, äh das war schon ab 1876 Prinzip sozusagen Standard und in Deutschland waren diese Standards besonders hoch. Auch Topf und Söhne verspricht eine würdige Einäscherung mit ihren Öfen. Entwickelt werden diese seit den 1920er Jahren von Kurt Prüfer. Er war der einzige Ingenieur hier in diesem Bereich und er hat dann quasi alle zivilen Krematoriumsöfen entwickelt und er war gleichzeitig eben auch ein Anhänger der Feuerbestattungsbewegung. Zu jener Zeit betont Prüfer noch, die Feuerbestattung dürfe nicht auf die Stufe der Kadaververnichtung sinken. Später wird er die Öfen für die Konzentrations- und Vernichtungslager konstruieren. Ein Amateurfilm von 1935 zeigt die Belegschaft von Topf und Söhne. Vorne Ingenieur Kurt Prüfer, dahinter die Gebrüder Topf, die 1935 die Leitung der Firma übernehmen. Ludwig Topf wird technischer Leiter, Ernst Wolfgang Topf kaufmännischer Leiter. Bereits im April 1933 treten die Brüder der NSDAP bei. Ein Grund: Sie unterhalten Geschäftsbeziehungen zu Juden und wollen den Vorwurf, Judengenossen zu sein, abwehren und so das Familienunternehmen sichern. Sie haben nach außen voll mitgespielt. Sie haben aber gleichzeitig versucht, äh sozusagen den den Einfluss von Nationalsozialisten im Unternehmen zu begrenzen. Sie wollten gern Herr im eigenen Haus bleiben. Nach der Machtübernahme geht das Geschäft für Topf und Söhne zunächst normal weiter. Auch für die Abteilung von Kurt Prüfer, die neben modernen Krematoriumsöfen Verbrennungsanlagen herstellt, z.B. um Abfall oder Tierkadaver zu verbrennen. Mit dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 eskaliert vielerorts, nicht nur an der Front, die Gewalt. Auch in den seit 1933 bestehenden Konzentrationslagern im deutschen Reich, die zunächst als Orte der Inhaftierung und Misshandlung dienen. Doch schon bald nach Kriegsbeginn sucht die SS technische Lösungen für die wachsende Zahl der Toten. Besonders deutlich zeigt sich das im KZ Buchenwald. Hier sterben im Herbst und Winter 1939 Hunderte Häftlinge an einer Ruhepideemie. Bis dahin werden die Toten aus den Lagern außerhalb in städtischen Krematorien eingeäschert. Die SS will diese Praxis durch eigene Öfen im Lager ersetzen, schneller, kostengünstiger und unabhängig. Topf und Söhne liefert dafür in das KZ Buchenwald einen fahrbaren, Öl beheizten Ofen mit einer Muffel, also einer Brennkammer. Technisch ist er an einfache Verbrennungsanlagen angelehnt. Es ist aber inzwischen sicher, dass dieser Ofen nicht für Buchenwald gedacht war und nicht von Buchenwald bestellt war von der SS, sondern für die Aktion T4. Unter dem Tarnnamen Aktion T4 beginnt im Herbst 1939 die Planung der systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderung. Bis August 41 werden über 70.000 Menschen in eigens dafür eingerichteten Tötungsanstalten ermordet. Man hat dort tatsächlich im Keller eine Gaskammer errichtet und daneben einen Ofen aufgestellt. Die war viel geheimer noch als das der Massenmord in Konzentrationslagern. Der erste Auftrag äh für zwei Öfen vom Oktober 39 ist tatsächlich an die Aktion T4 gegangen und aus dieser Dunkelbestellung ist ein Ofen tatsächlich dann in Buchenwald getestet worden. Das heißt, man wusste ja nicht, wie gut er funktioniert. In Buchenwald gab es die Leichen und das hat vermutlich Kurt Prüfer vorgeschlagen, der also schon im ständigen Kontakt war mit der SS in Buchenwald. Hier kann doch dieser Ofen mal getestet werden und man weiß, dass eben die Vertreter der Aktion T4 dabei waren in einem Konzentrationslager. In Buchenwald wird erprobt, was bald zur grausamen Routine der Konzentrationslager wird. Und Kurt Prüfer liefert die technische Lösung für die steigenden Opferzahlen in den Lagern. An seinem Arbeitsplatz mit Blick auf den Ettersberg, wo sich das KZ Buchenwald befindet, konstruiert Prüfer immer leistungsfähigere Öfen mit mehreren Brennkammern. Diese Doppel Muffelöfen, die hatten äh also zwei Kammern, eben einfach nebeneinander gesetzt, zwei Ofentüren, aber es gab zwei zwischen den zwei Kammern Durchbrüche, so äh dass also das Feuer im ganzen Ofen zirkulieren konnte und die waren von Anfang an der ganz klare Bruch mit allem, was vorher die Pietät ausgezeichnet hat. Die waren im Prinzip wie Abfall Vernichtungsöfen konstruiert. Nach den ersten mobilen Doppelmuffelöfen werden in den folgenden Monaten immer mehr stationäre Öfen an Konzentrationslager geliefert, unter anderem nach Buchenwald und Dachau. Andernorts sind sie Teil der Lagerplanung, wie in Auschwitz.

[10:04]Ab Mitte 1940 entsteht im Konzentrationslager Auschwitz 1, dem Stammlager, auch ein Krematorium mit stationären Öfen. Die SS rechnet mit vielen Toten, durch Haftbedingungen, Krankheiten und Gewalt. Filip Müller hat im Krematorium als Heizer arbeiten müssen. Rein, ihr Schweinehunde. Und wir sind rein in den Korridor. Plötzlich kam auf mich so ein Gestank. Ein also ein ein Rauch.

[10:54]Wir befanden uns damals in den Verbrennungsraum des Krematoriums im Stammlager Auschwitz. Heute sind hier zwei der ursprünglich drei Öfen zu sehen, die aus Originalteilen rekonstruiert worden sind.

[11:13]Vor Ort treffen wir den Historiker Dr. Igor Batozik. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Geschichte der Krematorien im Lagerkomplex Auschwitz. Im April 1940 fällt in Auschwitz die Entscheidung zum Bau der Lageranlagen, darunter auch eines Krematoriums. Schon bald wird das Gebäude, das wir heute hinter mir sehen, als geeigneter Ort für den Einbau des Ofens bestimmt. Im Juli 1940 treffen Ingenieure und Techniker der Firma Topf und Söhne ein. Die Einzelteile für den Ofen des Krematoriums werden geliefert, zusammengesetzt und Mitte August 1940 in Betrieb genommen. Der erste Ofen hat zwei Koks befeuerte Kammern und kann bis zu 100 Leichen pro Tag verbrennen. Bald reicht das nicht mehr, im Februar 41 folgt ein zweiter Ofen. Im September 1941 ändert sich die Situation. Es beginnen die Hinrichtungen mit Zyklon B. Hierfür wird die Leichenhalle des Krematoriums in eine Gaskammer umfunktioniert. Mehrere Hundert Menschen können darin auf einmal getötet werden. Mitte September 1941 wird aus dem Lager Auschwitz ein dringendes Telegramm an die Firma Topf und Söhne geschickt. Die Anlage des Krematoriums müsse sofort um einen dritten Ofen erweitert werden. Wenig später werden diese Pläne bestätigt durch einen Vertrag, den Kurt Prüfer Ende September 1941 mit der Bauabteilung des Lagers schließt.

[13:00]Insgesamt können in den drei Doppel Muffelöfen, nach Berechnungen der SS, rund 300 Leichen in 24 Stunden verbrannt werden. Ausgelegt auf die Bedürfnisse des Stammlagers. Doch bald wird Auschwitz in die systematische Ermordung der europäischen Juden einbezogen. Aber das hat ja alles nicht ausgereicht natürlich, weder die Gaskammern noch die Öfen im Stammlager. Ab Herbst 1941 entsteht rund 3 km vom Stammlager entfernt ein neues Lager in Birkenau. Geplant zunächst als Kriegsgefangenenlager für mehr als 100.000 sowjetische Soldaten. Doch in dieser Funktion wird das Lager nie genutzt.

[13:50]Im Sommer 1942 verändert sich die Lage grundlegend. Auschwitz soll zum zentralen Ort der Vernichtung der europäischen Juden werden.

[14:04]Die Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz plant nun den Bau großer Krematorien mit leistungsstarken Öfen von Topf und Söhne. In Auschwitz-Birkenau entstehen vier neue große Krematorien. Die jeweils baugleichen Krematorien 2 und 3 mit unterirdischen Auskleide und Gaskammern, sowie die ebenerdigen Krematorien 4 und 5.

[14:37]So sehen die Konstruktionspläne der Krematorien 2 und 3 von außen aus. Innen zeigen sie eine Kombination aus einem oberirdischen Ofenraum, hier die fünf Öfen mit Rauchgaskanälen zum Schornstein, sowie dem unterirdischen Auskleideraum und Gaskammer. Herbst 1942.

[14:57]Fotos zeigen den Bau der beiden Krematorien. Hier deutlich zu sehen, das Ausheben der Kelleranlagen und der Bau des Schornsteins. Krematorium 3 wird im Juni 1943 fertiggestellt und in Betrieb genommen, Krematorium 2 bereits im März 43.

[15:22]Heute sind die Ruinen der Krematorien auf dem Gelände des staatlichen Museums Auschwitz Birkenau für Besucher zugänglich. Hier die Reste des Ofenraums von Krematorium 2, sowie der unterirdische ehemalige Auskleideraum. Dort mussten die Menschen ihre Kleidung ablegen für die angekündigte Desinfektionsmaßnahme. Hier rechts sehen wir die Überreste der unterirdischen Gaskammer. Hinter mir der Ofenraum, in dem die Leichen verbrannt wurden.

[16:00]In den Krematorien 2 und 3 stehen jeweils fünf Dreimuffelöfen der Firma Topf und Söhne. Der Dreimuffelofen verfügte links und rechts über je eine Feuerung, die auch die dritte Muffel mitversorgte. So konnten die inneren Muffeln ohne eigene Befeuerung betrieben und Brennstoff eingespart werden. Kurt Prüfer stand bei einer Probverbrennung, das wissen wir aus Berichten der Häftlings der Häftlinge, vor den Öfen und hat Tipps gegeben, dass man eben z.B. auch Menschen mit mehr Körperfett mit verbrannt, damit die Verbrennung besser vonstatten geht. Also er hatte schon eigentlich eine Schlüsselrolle die die Todesfabriken zu errichten, wo tatsächlich diese Gaskammern und diese äh Öfen in einem Ort kombiniert waren wie eine Industrie. Neben den Öfen liefert Topf und Söhne auch die Lüftungsanlagen für die unterirdischen Gaskammern, notwendig, um die Räume nach dem Vergasen zu betreten und die Leichen zu bergen. Man wusste, was die SS brauchte und man hat einfach noch eine zusätzliches Angebot gemacht, wie ein Unternehmen, was eben den Kunden auch noch ein anderes Produkt verkaufen kann. Und es gibt z.B. ein Verhör mit Karl Schulze, dem Lüftungsingenieur, der berichtet, wie er nachdem er in Auschwitz mehrere Tage gewartet hat, bis ein Transport kam von Menschen, die aus Krakau, die ermordet werden sollten, damit diese Lüftungsanlage in Betrieb genommen werden kann. Wie er vor Ort war und es berichtete dann danach Ludwig Topf und dann sagt am Schluss Ludwig Topf hat darauf nicht reagiert.

[17:46]In den baugleichen Krematorien 4 und 5, fertiggestellt im Frühjahr 1943, sind Auskleideraum, Gaskammer und Ofenraum ebenerdig angelegt. Auch die Ruinen des Krematoriums 5 kann man heute besuchen.

[18:10]In jenem Krematorien befindet sich ein Acht Muffelofen der Firma Topf und Söhne, dessen Reste in den Ruinen noch gut erkennbar sind. Vor vielen Jahren habe ich im Rahmen meiner Forschung die hier erhaltenen Bauteile mit Zeugenaussagen verglichen und konnte den Ofen rekonstruieren. Er sah folgendermaßen aus. Auf der anderen Seite befand sich ein identischer Aufbau. Auf jeder Seite gab es vier Öffnungen, in die die Leichen eingeschoben wurden. In der Mitte lagen die Koksfeuerungen, die die notwendige hohe Temperatur erzeugten. Die Leichen wurden mit Metalltragen eingeführt. Eine originale Metallrolle, auf der die Trage auflag, ist bis heute erhalten. Die Ofentüren wurden mit speziellen Hebevorrichtungen nach oben und unten bewegt. Aufgrund dieser Bauweise verfügte der Ofen über zwei getrennte Schornsteine, einen links, einen rechts. Zeichnungen ehemaliger Häftlinge vermitteln einen Eindruck der Vernichtungsanlagen in Betrieb. Rauch und Flammen der Krematorien machen das Grauen von außen sichtbar. Und als sich der Nebel ein wenig lichtete, sahen wir die Schornsteine. Diese riesigen, gewaltigen Schornsteine, aus denen Rauch quoll.

[19:53]Das war mein erster Eindruck von Auschwitz. Man konnte die Flammen sehen, nicht nur den Rauch. Man konnte die Flammen aus den Schornsteinen sehen. Und viele, als sie nach Birkenau kamen, dachten, es sei eine Bäckerei. Der Geruch, sie dachten, es würde etwas gebacken. Der Rauch, der Geruch verbrannten Fleisches, der lag also über Auschwitz Birkenau. Die waren so waren diese Krematorien waren abgeschirmt, sozusagen auch mit Zäunen und in dieses Areal kam nur die die dort arbeiten mussten oder die Häftlinge. Aber es war trotzdem total prägnant. Und jeder wusste davon. Ein Modell im staatlichen Museum Auschwitz Birkenau zeigt die Abläufe im Krematorium 2. Nachdem ihnen Hygienemaßnahmen angekündigt wurden, müssen sich die Menschen im ersten Kellerraum entkleiden. Anschließend werden sie in die benachbarte Gaskammer getrieben und ermordet. Und schließlich in den Öfen verbrannt.

[21:11]Die Öfen mussten bedient werden von überwiegend jüdischen Sonderkommando Häftlingen. Die waren in den Krematorien eingesetzt, die mussten quasi die Menschen beim Auskleiden äh betreuen, die mussten sie in die Gaskammer zwingen, sie natürlich täuschen, die Leichen herausholen und äh die Leichen verbrennen. Das war eine unglaublich zerstörerische Arbeit. Wir befanden uns in einer ganz extremen Situation. Vor unseren Augen könnten wir täglich zehn, tausend wie tausende aber tausende vernichtet waren. Und dabei könnten wir sehen, also dass niemand gegen den protestiert, dass niemand ein Wort sagt, wenn zehn Mal auch 20.000 täglich durch den Schornstein ging.

[23:53]Wie effizient die Öfen aus Sicht der Täter arbeiten sollten, geht aus einem Dokument der Zentralbauleitung hervor, erstellt im Juni 1943. Sie listen ja auf, dass in 24 Stunden 4756 Personen verbrannt werden können in allen Krematorien. Faktisch war das einerseits mehr, weil oft mehr als diese zwei bis drei äh Leichen gleichzeitig verbrannt wurden und manchmal auch weniger, weil das Krematorium 4 z.B. dann relativ schnell kaputt gegangen ist. Aber es gab eben insgesamt quasi rein rechnerisch eine Kapazität nicht nur von 4756 in 24 Stunden, sondern ungefähr 8000. Zwischen Mai und Juli 44 werden mehr als 400.000 ungarische Jüdinnen und Juden nach Auschwitz deportiert, die meisten werden direkt nach ihrer Ankunft ermordet. Die Kapazitäten der Krematorien reichen dafür nicht aus. Die SS lässt Tausende Leichen im Freien verbrennen.

[25:02]Heimlich aufgenommene Fotos des Sonderkommandos und Luftaufnahmen der Alliierten halten diese Verbrechen fest.

[25:11]Bereits seit 1942 versucht die SS systematisch die Spuren der Massenverbrechen zu beseitigen. Doch das Ausmaß der Massenmorde setzt dem Grenzen.

[25:26]Die Krematorien laufen oft unter Dauerbelastung. Mehrere Leichen werden gleichzeitig verbrannt, die Verbrennungszeiten gezielt verkürzt. Oft bleibt die Einäscherung unvollständig, Knochenfragmente bleiben zurück.

[25:40]Um auch diese letzten Überreste zu beseitigen, zwingt die SS Häftlinge des Sonderkommandos die Knochen zu zerkleinern.

[26:22]Danach wird die Asche auf Lastwagen verladen und in die nahe gelegenen Flüsse Sola und Weichsel geschüttet.

[26:38]Zeugenaussagen zufolge wird die Asche auch als Dünger auf Feldern verwendet. Doch während die Spuren der Verbrechen getilgt werden, rückt die Front näher. Der Krieg holt Auschwitz ein. Ab Sommer 1944 ziehen sich die deutschen Truppen immer weiter vor der roten Armee zurück. Im Herbst beginnt die SS die Auflösung des Lagerkomplexes vorzubereiten. Die Öfen der Krematorien werden demontiert, Gebäude gesprengt, Unterlagen vernichtet.

[27:21]Am 27. Januar 1945 erreicht die rote Armee Auschwitz Birkenau.

[27:31]Die Befreier stoßen auf Berge abgeschnittener Haare der Opfer, sowie deren Habseligkeiten.

[27:46]Aber auch auf die Reste der Krematorien.

[27:54]Sofort Untersuchung begonnen, man hat noch die z.B. die Akten der SS Bauleitung gefunden, man konnte die Zeitzeugen befragen Überlebende und dann haben sie in wenigen Monaten einen Bericht gemacht, wo sozusagen äh die Verbrechen angeklagt wurden und die Schlüsselrolle von Topf und Söhne benannt wurde damals schon. Also Prüfer wurde als einer der Hauptausführenden der Verbrechen, der vor Gericht gestellt werden muss, äh dort beschrieben. Am 11. April 1945 befreien die Amerikaner das KZ Buchenwald in Thüringen. Sie stoßen auf noch erhaltene drei Muffelöfen, dasselbe Modell, das in Auschwitz zum Einsatz kam und veranlassen die Verhaftung der Brüder Topf und Kurt Prüfer. Ludwig Topf begeht am 31. Mai 1945 Selbstmord, offenbar aus Angst vor Verhaftung und Strafverfolgung. In seinem Abschiedsbrief stellt er sich als zu Unrecht verfolgte Person dar. Sein Bruder Ernst Wolfgang Topf wird kurzzeitig inhaftiert, aber schnell wieder freigelassen. Er versucht das Unternehmen im Westen neu aufzubauen mit zwei Bereichen, Krematoriums und Abfallvernichtungsöfen. 1963 meldet die Firma endgültig Insolvenz an.

[29:17]Er stirbt am 23. Februar 1979. Zeitlebens spricht er von den unschuldigen Öfen, die missbraucht worden sein. Kurt Prüfer wird im Frühjahr 45 von US-Truppen festgenommen, jedoch bald wieder freigelassen. Im März 1946 verhaften ihn sowjetische Behörden. Er wird zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und stirbt 1952 im Gulag. Das ist eigentlich das besonders herausfordernde hier, dass es nicht SS Gestapo, also Angehörige von Terrorgruppen militärisch organisiert waren, sondern das Menschen wie du und ich waren, in einem normalen beruflichen Alltag, die freiwillig und ohne Zwang bis mit nach Auschwitz in die Krematorien gegangen sind. Und das stellt die Frage nach unserer Verantwortung als Menschen gegenüber anderen Menschen in unserem ganz alltäglichen tun. Es bleibt nur die Mahnung, dass die Menschen daraus lehren für die Zukunft ziehen, dass sie einander nicht töten, denn das menschliche Leben ist unendlich kostbar.

Need another transcript?

Paste any YouTube URL to get a clean transcript in seconds.

Get a Transcript